Das Prinzip Schmidt oder: Für immer Punk!

22. Dezember 2003, 23:33
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Das legendäre Londoner Punk- und New-Wave-Label "Rough Trade" feiert seinen 25. Geburtstag

Das legendäre Londoner Label Rough Trade, das Ende der 70er-Jahre im Zentrum der Punk-und später New-Wave-Explosion stand und unter anderem The Smiths, The Fall oder Pere Ubu entdeckte, feiert seinen 25. Geburtstag mit diversen hervorragenden Jubiläums-CDs.


Wien - Die jüngste Großtat der prototypischen Urmutter aller Independent Labels dieser Welt ist noch gar nicht so lange her. Immerhin wurde The Modern Age, die erste Single der neuen Rockgötter The Strokes aus New York, 2001 von Geoff Travis in London bei Rough Trade veröffentlicht.

The Strokes wanderten zwar gleich anschließend für ihr Debütalbum Is This It? dank finanziell lukrativerer Angebote zu einem internationalen Unterhaltungsmulti ab. Rough Trade holte sich im Gegenzug aber zumindest die Lizenzrechte für Großbritannien. Und man holte sich auch die späte Gewissheit, dass die Macher des Labels noch immer das richtige Gespür für neue Musik haben.

Nach den Anfängen von Rough Trade als kleines Plattengeschäft im Londoner Stadtteil Notting Hill, das sich neben Reggae-Platten zunehmend auch mit den ersten, von Nachwuchsbands selbst produzierten und gepressten Punk-Singles zu beschäftigen begann, schaffte man es damals neben Konkurrenten wie Beggar's Banquet oder Factory bis Mitte der 80er-Jahre, eine ganze Bewegung mitzutragen.

Vom Proto-Punk der Swell Maps, legendären Alben wie We Are All Prostitutes von The Pop Group oder Colossal Youth von den Young Marble Giants, Part Time Punks von den Television Personalities über Cabaret Voltaire, Scritti Politti, Aztec Camera bis zu Mark E. Smith und The Fall und der New Wave, zu der auch die US-Avantgardisten Pere Ubu zählten, ging es dann Schlag auf Schlag.

Zweimal Schmidt

Nach einer mehr als dubiosen Geschäftspraktik mit peripherer Buchhaltung und seltenen Tantiemenzahlungen an die Künstler, die dazu führte, dass viele Musiker bald wieder vom Label abwanderten, gelang Rough Trade zwischen 1984 und 1988 mit dem Jahrhundertwerk der melancholischen nordenglischen Gitarrenpopper The Smiths der große (finanzielle) Durchbruch. Speziell das selbstbetitelte Debüt der Smiths oder The Queen Is Dead strahlen bis heute so hell und stilprägend wie damals.

Sturschädel wie Mark E. Smith, dem Rough Trade das zumindest von der Haltung her beispielhafte Punk-Album Grotesque (After The Gramme) aus 1980 verdankt, waren zu diesem Zeitpunkt längst weg. Mark E. Smith damals: "Bevor ich wieder mit dieser Firma zusammenarbeite, gehe ich lieber in Rente."

Es folgten wirtschaftlich nur schwer nachvollziehbare Umbauten und Erweiterungen auf ein eigenes Vertriebssystem. Geoff Travis verkaufte Firmenanteile. Er war zwischenzeitlich ganz draußen. Und Geoff Travis kaufte wieder zurück. Die 90er-Jahre waren etwas "schwierig".

Wenn man sich allerdings die aktuelleren Veröffentlichungen von Rough Trade im Herbst 2003 ansieht, so hat sich die Firma prächtig erholt. Abgesehen von 12:51, dem zweiten Album der Strokes in finanziell einträglicher britischer Lizenz, bietet man ein breites Spektrum: Relaxed Muscle etwa, das grindige Discoprojekt des Pulp-Sängers Jarvis Cocker. Man hat mit Belle & Sebastian sanften Pop unter Vertrag. Man beschäftigt spinnerte US-Songwriter wie Adam Green oder die Synthie-Punks A.R.E. Weapons.

Vor allem auch ist man geschichtsbewusst: Wenn sie nicht vorher (wieder) an den Drogen zerbrechen, will man im neuen Jahr das nach dem fulminanten Debüt Up The Bracket zweite Album der Libertines veröffentlichen, den würdigen Erben der Punk-Väter The Clash.

Von musikalischer Perfektion ist man bei Rough Trade nach wie vor weit entfernt, wie sich unschwer am aktuellen Katalog feststellen lässt. Rough Trade steht seit einem Vierteljahrhundert für Punk im höheren Sinn und seinen musikalischen Demokratisierungsschub des nicht unterzukriegenden Do-it-yourself-Gedankens. Hier hast du eine Gitarre, hier hast du drei Akkorde, jetzt gründe eine Band! Rumpelig, ungelenk, aber mit sehr viel Herz - oder mit sehr viel Wut im Bauch.

Neben vier historisches Material beinhaltenden Doppel-CDs wie Post Punk oder Counter Culture, die alle Größen aus den Gründerjahren versammelt, ist jetzt mit der Katalognummer 100 auch die Kompilation Rough Trade 25 - Stop Me If You Think You've Heard This One Before veröffentlicht worden. Die beinhaltet 16 Coverversionen von Klassikern des Labels wie Aztec Camera, The Fall oder Young Marble Giants, interpretiert von heutigen Künstlern. No-Names wie The Veils, The Hidden Cameras oder Mystic Chords Of Memory belegen, wie zeitlos damals am Anfang der Moderne trotz fehlenden handwerklichen Rüstzeugs bereits gearbeitet wurde. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2003)

Von
Christian Schachinger
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