"Er lebte viele Leben"

22. Dezember 2003, 21:59
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Jazz-Ikone Charles Mingus im Buchporträt seiner Witwe Sue Graham Mingus

Wien - Er war eine dionysische Erscheinung. Ein Mann, der viel aß, viel dachte, viel sprach, viel stritt und intensiv liebte und lebte. Der in seiner kompositorischen Arbeit aus den Quellen der Tradition, Blues, Gospel und New-Orleans-Jazz schöpfte, und daraus vitale Avantgardemusik formte, die das vorbereitete, was ein paar Jahre später unter dem Etikett "Free Jazz" für die Erschütterungen der 60er-Jahre stehen sollte.

Ein Mann, der schließlich qualvoll verglühte: Charles Mingus starb mit 56 Jahren im Jänner 1979 an amyothropher Lateralsklerose (eine Nervenschädigung, die zum Muskelschwund und zum Tod führt).

"Mein Ziel war die sehr persönliche Schilderung des Kampfes eines kraftvollen, sehr kräftigen Mannes, der in seinem Rollstuhl auf ein Nichts reduziert wurde", beschreibt Witwe Sue Graham Mingus in ihrem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Buch "Tonight at Noon": "Ich wollte einen Mann zeigen, der im Angesicht des Todes ungebrochen seine Phantasie, seine Kreativität auslebte." Charles hatte bis zuletzt das Kommando: "Noch am Tag, bevor er starb, rannten wir alle herum, um Ananas-Eis für ihn zu finden. Charles' Leben bedeutete bis zu seinem Tod unbeugsame Opposition."
Wohltuend unsentimental beschreibt Sue Mingus das wechselvolle Beziehungsleben mit dem faszinierenden wie schwierigen Komponisten, Bandleader und Bassisten. Im Zentrum steht der Privatmann und seine unberechenbare, multiple Persönlichkeit. Der Musiker wird nur in wenigen Details gestreift, etwa in der späten Begegnung mit Joni Mitchell, die ihm mit dem posthumen Album "Mingus" ein Denkmal setzte.


Böse-Buben-Image

Interessant wäre es zweifellos gewesen, wenn Sue und Charles sich nicht erst 1964 kennen gelernt hätten. "Tonight at Noon" hätte somit früher einsetzen können, um ein Korrektiv zu Charles' berüchtigter Autobiografie "Beneath the Underdog" darzustellen: jenes Machwerk, in dem Mingus in einem undurchdringlichen Wust aus Realem und Fiktivem sein Leben von seiner Jugend im Getto von Watts, Los Angeles, bis zum Anfang der Sechzigerjahre in New York beschreibt, und das ihn in seiner sexualisierten Sprache und seinem Kokettieren mit einer Existenz als Zuhälter als afroamerikanisches Gegenstück zu Charles Bukowski erscheinen lässt.
Ob für Sue Mingus das Böse-Buben-Image von Charles - der auch nicht davor zurückschreckte, seine Musiker auf der Bühne zu prügeln - ein Problem darstellt? "Charles vereinte so viele Persönlichkeiten in sich, er lebte so viele Leben, dass er den Inhalt seines Buches wirklich gelebt haben könnte. Natürlich schreiben die Journalisten immer über spektakuläre Dinge, und nicht über einen Mann, der acht Stunden am Klavier komponierte. Das wird sich mit der Zeit geben. Zu seinen Lebzeiten dachte man an Charles als virtuosen Bassisten, als Bandleader, heute spricht man von ihm als einem der größten amerikanischen Komponisten", betonte Sue Mingus - die damit auch auf den Erfolg ihrer Formationen "Mingus Dynasty" und "Mingus Big Band" verweist.(DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2003)

Von
Andreas Felber

Sue Graham Mingus' "Tonight at Noon - Eine Liebesgeschichte" ist wie die Neuauflage von Charles Mingus' "Beneath the Underdog" in der Edition Nautilus, Hamburg, erschienen.

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    Sue Graham Mingus will die multiple, unberechenbare Persönlichkeit ihres verstorbenen Ehemannes, des Komponisten Charles Mingus, zeigen: "Ein Mann, der im Angesicht des Todes ungebrochen seine Phantasie, seine Kreativität auslebte."

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