Die Botschaft war zu überbringen

6. Jänner 2004, 21:08
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Die Annihilierung Saddam Husseins - Eine Analyse

"Verhaftet und gedemütigt", schrieb eine populäre israelische Zeitung am Montag quer über das fast titelblattgroße Bild Saddam Husseins, so wie ihn die USA am Sonntag der Weltöffentlichkeit vorgeführt hatten: mit verwildertem Haar und Bart, den Mund willig zur Untersuchung öffnend. "Gedemütigt", das ist das Schlüsselwort, es musste sein, musste das sein, notwendig, geschmacklos, eine der Debatten am Tag danach.

Niemand in der so genannten zivilisierten Welt schätzt solche Bilder, selbst wenn sie wie das gestrige auch einfach nur als historisches Dokument gesehen werden könnten: So endete die Flucht des Diktators, allen zur Information und Warnung. Reaktionen von Erschrecken, vielleicht sogar Mitleid - nicht mit Saddam, sondern mit der menschlichen Kreatur allgemein - bis zu Befriedigung und Häme sind auf der emotionalen Bandbreite eines einzigen Zusehers zu finden. Bei denen, für die die Lektion gedacht war - das Publikum in der arabischen und islamischen Welt -, kommt noch ein Gefühl dazu: die Demütigung.

Die pädagogische Absicht der USA ist klar: Saddam Hussein wurde gestern vor laufender Kamera umgebracht, schlimmer, alles, wofür er gestanden ist, wurde annihiliert. Er selbst kann ruhig weiterleben, er ist nicht mehr.

Nutzen und Schaden

Diese Botschaft wurde mit Erfolg übermittelt, jeder hat sie verstanden. Aber die Botschaft könnte Kollateralschaden verursachen: Welche Folgen hat die Demütigung jener, die sich mit dem, wofür Saddam - auch - stand, nämlich den Widerstand der Araber gegen die US-Nahostpolitik, identifiziert haben? Ist diese Demütigung den US-Zielen zuträglicher, als ihre Folgen schädlich sind?

Und, eine ganz andere Frage, sehen "die Araber, die Muslime" diese Bilder mit den gleichen Augen wie wir? Gehört vielleicht auf einen groben Klotz wirklich ein grobes Beil?

Der grobe Klotz: Sie sind einiges - viel Schlimmeres - gewohnt, die Bewohner der arabischen Welt, zumal die Iraker, als einen Gefangenen, der von einem Arzt untersucht wird, oder auch die Bilder von den zwei Leichen der Söhne Saddams, deren Freigabe im Sommer die Gemüter erregte.

Konfrontation

DER STANDARD, der Fotos von Toten nur in Ausnahmefällen zeigt (ganz anders als die "Presse"), hat sie damals als historisches Dokument veröffentlicht. Meine - durchaus diskutable - Meinung war außerdem, dass - so sehr ein Gerichtsverfahren wünschenswert gewesen wäre - man auch nicht Krokodilstränen über das Schicksal zweier notorischer Killer vergießen sollte. Ihre Menschenwürde in Ehren, ich dachte damals auch, dass die Iraker mit der brutalen Wahrheit ihres brutalen Todes konfrontiert werden müssten - um es, je nachdem, erschreckt oder erleichtert zur Kenntnis nehmen zu können.

Waren Uday und Kusay im Irak fast nur verhasst und ein Symbol des irakischen Niedergangs, so verkörperte Saddam Hussein aber auch eine bessere Vergangenheit, die eines stolzeren Irak. Macht und Stolz gehörte so sehr zu den ihm zugeschriebenen Eigenschaften, dass für ihn etwa die Zusammenarbeit mit der UNO, die in den 90er-Jahren der einzige Weg aus der internationalen Isolation gewesen wäre, nicht infrage kam: Er konnte nicht zugeben, dass er keine Gefahr mehr für die Welt war.

Saddam nackt, ohne Waffen, ohne Würde - die Bilder am Sonntag waren bei weitem brutaler als die seiner Söhne für die an Blut und Tod gewöhnten Iraker waren. Aber die Botschaft war zu überbringen. Man kann über Details diskutieren, aber ein völlig anderer Weg fällt mir nicht ein. (DER STANDARD; Printausgabe, 16.12.2003)

Von Gudrun Harrer
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    Saddam Hussein

  • Saddam gefasst
    foto: epa/alquinto

    Saddam gefasst

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