Ein großer Tag

21. Dezember 2003, 20:46
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Saddam Hussein hat seinen Mythos durch seine Festnahme selbst zerstört - Ein Kommentar von Gudrun Harrer

Es ist ein großer Tag für den Irak. Saddam Hussein, der Massenmörder, ist nicht nur gefangen, er hat auch seinen großkotzigen Anhängern die Schmach angetan, sich aus seinem dreckigen Erdloch wie ein Schaf abführen zu lassen. Er, der selbst verkündet hatte, er werde kämpfend sterben, wie es seine Söhne und ein halbwüchsiges Enkelkind getan haben, hängt am Leben.

Die Untersuchung seiner Mundhöhle - von den Amerikanern länger auf Film gezeigt, als es notwendig gewesen wäre (aber die psychologische Absicht ist klar) - schien ihm ein eigenes Anliegen zu sein, man sah einen Hypochonder. Das ist Saddam Husseins Ende, überzeugender als der Tod. Dieser Mann kommt nicht mehr zurück, und er eignet sich auch nicht zur Konstruktion von Legenden.

Unvergessen bleiben wird die Pressekonferenz von Sonntag in Bagdad: ein US-Administrator Paul Bremer mit zitterndem Kinn, das seine Coolness Lügen straft, allgemeiner Jubel und Applaus, die bei der Vorführung des Videos in eine leichte Hysterie und "Tod für Saddam"-Rufe umschlagen, dann die Fragen an die CPA (Coalition Provisional Authority), die wie immer unbeantwortet bleiben, und ein paar irakische Journalistenstatements im Ton der über Jahre erlernten Propaganda, die zeigen, dass das Land noch einen weiten Weg hin zur Freiheit auch in den Köpfen zurückzulegen hat.

Aber wieder ist ein Schritt getan, vielleicht wird ja doch noch alles gut. Nicht von heute auf morgen: Es ist zu befürchten, dass die Gewalt erst einmal ansteigt, aber sie wird - zumindest soweit sie von Saddam-Loyalisten kommt, die bis dato für dessen Rückkehr kämpften - den Charakter der Verzweiflung haben.

Noch sind ein paar große Fische ausständig, allen voran Taha Yassin Ramadan, dem die Organisation des bewaffneten Widerstands viel mehr zuzutrauen ist als dem in diesem Zusammenhang oft genannten Izzat Ibrahim al-Duri. Aber Saddam Hussein und seine Familie, das ist vorbei. Viele Iraker und Irakerinnen werden ihre Angst abwerfen, andere werden den Zeitpunkt für einen Seitenwechsel gekommen sehen, der freiwillige oder erzwungene Rückhalt für die Regime-Anhänger wird jedenfalls schwinden. Der Prozess gegen Saddam wird ein Übriges tun.

Es ist natürlich auch ein guter Tag für US-Präsident George Bush, der beste seit langem, vielleicht derjenige, von dem es einmal heißen wird, dass sich an ihm die Präsidentschaftswahlen 2004 zu seinen Gunsten entschieden haben. Der Fluch, der seit dem Verschwinden Osama Bin Ladens über den beiden gewonnenen Kriegen in Afghanistan und im Irak liegt, ist aufgehoben. Aufgrund ihrer Afghanistan-Erfahrung hatte die US-Administration immer heruntergespielt, welche Bedeutung der Festnahme Saddam Husseins zukam. In Wahrheit ist sie psychologisch ebenso wichtig wie der Fall Bagdads im April. Durch den eher abgesagten denn verlorenen Krieg hatten sich die Regime-Iraker nie "besiegt" gefühlt, der Kampf hatte sich einfach auf eine andere Ebene verlagert - auf der sie den Amerikanern erstaunlichen Schaden zufügten. Aber nun ist es so weit: Das ist die Niederlage, die Kapitulation, und zwar durch Saddam Hussein selbst.

Warum sich dieser bei seiner Festnahme und danach - "gesprächig" sei er, heißt es - so verhielt, ist ein Rätsel mehr für die "Saddamologen". Die (vom Regierungsratsmitglied Adnan Pachachi beschriebene) Selbsteinschätzung des verhafteten Saddams, er sei ein "gerechter und strenger" Herrscher gewesen, dürfte echt sein, genauso wie das islamische Sendungsbewusstsein, das sich Saddam jahrelang selbst andichtete, so lange, bis er es selbst glaubte.

Das ist zugleich die schlechte Nachricht: Denn diejenigen, die im Namen des Islam kämpfen und dabei auf die Infrastruktur der Saddam-Loyalisten zurückgreifen - also bisher diesem Lager zugerechnet wurden -, brauchen keinen Saddam Hussein als Antrieb. Sie werden weitermachen, mit oder ohne Saddam. Aber das ist morgen, heute ist der Tag der Hoffnung.

(DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2003)

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