Eisbrecher im Prater-Packeis

17. Dezember 2003, 09:50
posten

Wiens Wurstelprater plagen Imageprobleme und Besucherschwund - nur ein Generationenwechsel macht Hoffnung

Wiens Wurstelprater plagen Image- probleme und Besucherschwund. Kritik und teure Konzepte prallten an Praterunternehmern bisher ab. Ein Generationenwechsel macht Hoffnung.

***

Wien - Einstweilen staunt nur der Briefträger; mit offenem Mund. So, als säße er selbst in einem der gelben Käfige, hielt sich der Mann von der Post an seinem Fahrrad fest, wenn sich über ihm der gelbe Käfig am roten Gestänge in die Kurve legte. Und als sich der Käfig am Ende aufrichtete, war der Mann beeindruckt: Hochschaubahnen, sagte er, bevor er wieder aufs Rad stieg, kenne er - aber eine wie diese habe er noch nicht gesehen: Statt zu sitzen, liegt man in "Volare". Wie Superman. Kopf voran. Unter der Schiene.

Neue Praterattraktion

Doch wäre "Volare" nur eine neue Praterattraktion, hätte sich Emmanuel Mongon an einem nasskalten Dezembertag nicht in den winterlich-toten Vergnügungspark aufgemacht, um dem Check des 50-Millionen-Euro-Werkels zuzusehen. Aber die 420 Meter lange Bahn, weiß der von der Stadt eingesetzte Masterplaner für den neuen Prater, ist nicht bloß eine Hochschaubahn - sie ist ein Eisbrecher. Denn "bisher war der Prater ein Haus, in dem alle an der Einrichtung herumgedoktert haben und niemand das Fundament angeschaut hat".

Er, so Mongon, gehe grundlegende Punkte an. Und deshalb, glaubt Mongon, werde er den Wurstelprater wieder zu einer herzeigbaren Sehenswürdigkeit machen: Ambiente, Image und Ticketing, weiß Mongon, können mit dem, was man von Vergnügungsparks anderswo kennt, längst nicht mithalten.

"Volare", schwärmt Mongon, "ist das erste Zeichen, dass sich etwas tut." Zum einen, weil die Bahn von ihren Betreibern ein Sicherheitspaket verordnet bekam, das weit über das hinausgeht, was amtlich gefordert ist (die Mehrkosten sollen 20 Prozent der Errichtungskosten betragen). Zum anderen und vor allem, weil mit den Volare-Betreibern - der Praterdynastie Koidl - erstmals ein lokaler Big Player von sich aus (teure) Maßnahmen für eine Neupositionierung setzt.

Generationenwechsel

"Schuld" daran dürfte der Generationenwechsel innerhalb des Fahrwerkerclans sein: Nach 40 Jahren im Fahrgeschäft übergab Heinrich Koidl kürzlich die Geschäfte an seine 28-jährige Tochter Karin. Und die gibt offen zu, dass seit Jahren ungehört verhallende Kritik am Prater nur zu berechtigt ist: Der Prater, so das Mantra der zweifachen Mutter, sei genau das Gegenteil von familienfreundlich: "Das beginnt bei katastrophalen Klos und Wickelgelegenheiten und geht von allgemeiner Sauberkeit zum subjektiven Sicherheitsgefühl in und um die Attraktionen." Außerdem sei "der Prater zu teuer".

Sich - wie in den vergangenen Jahren - nur auf "event-und tschingbumsüchtige Jugendliche" zu konzentrieren wäre ein Konzept, das "junge, urbane und sich einem intellektuellen Umfeld zugehörig fühlende Familien" (Koidl) zusätzlich fern halte: "Wenn wir diese Leute nicht zurückgewinnen, wird der Prater bleiben, was er ist: eine Region mit rückläufigen Besucher-und Umsatzzahlen." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 15.12.2003)

Share if you care.