Der Aufschwung kommt – für alle?

21. Dezember 2003, 20:01
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Die wirtschaftliche Erholung ist bereits im Gang - Noch spüren sie nur einzelne Regionen der Welt – unrühmliche Ausnahme Europa! - Gastkommentar von Michael Margules

Die wirtschaftliche Erholung ist bereits im Gang. Noch spüren sie nur einzelne Regionen der Welt – unrühmliche Ausnahme Europa ! –, aber die Statistiken bestätigen seit einigen Monaten, dass Bewegung in den Motor der Weltwirtschaft gekommen ist. Zum ersten mal seit zwei Jahren erscheinen die Konjunkturprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute, die für die kommenden Jahre mehr Wachstum versprechen, nicht mehr unrealistisch. Die Aktienkurse haben diesem Ausblick seit Frühjahr nach einer dreijährigen, in dieser Schärfe von Investoren nicht für möglich gehaltenen Baisse vorgegriffen und befinden sich seither nahezu unisono im Steigflug.

Stimulans: Zinsen und Restrukturierungen

Bislang verlief die konjunkturelle Erholung weitgehend nach Lehrbuch. Die massiven Leitzinssenkungen der Notenbanken, insbesondere in den Vereinigten Staaten, die sich offensichtlich dem Kurs verschworen haben, unter allen Umständen einen Aufschwung auf Pump herbeizuführen, haben vor allem zuletzt der Realwirtschaft Impulse verliehen, nachdem anfänglich die Wirkung auszubleiben schien. Auch im Unternehmenssektor ist die Bereinigung weitgehend abgeschlossen oder, je nachdem, wo im internationalen Konjunkturzyklus sich ein Land befindet, zumindest weit fortgeschritten.

Zarte Konjunktupflanze aus Washington

Es gibt also Grund für Optimismus. Allerdings müssen Investoren ein wichtiges Merkmal der gegenwärtigen Erholung im Auge behalten: Sie hängt übermässig von der Entwicklung in den USA ab. Die rege Nachfrage amerikanischer Konsumenten und Unternehmen scheint wesentlich für die wirtschaftliche Besserung in den asiatischen Staaten mitverantwortlich zu sein. Und die Aussicht darauf, dass die US-Belebung 2004 zunehmen wird, nährt den keimenden Optimismus, der sich in den europäischen und japanischen Frühindikatoren und Trendbefragungen spiegelt. Ob die USA erneut in der Lage sein werden, wie in den Neunzigerjahren einen genügend starken Nachfragesog auszulösen, von dem alle übrigen Wirtschaftsregionen per saldo profitieren werden, muss sich erst noch erweisen. Immerhin sind die Voraussetzungen diesmal ungünstiger. Die führende Volkswirtschaft hat sich selbst ein grosses Problem aufgebürdet: eine wachsende öffentliche Verschuldung. Nicht zuletzt die rekordhohen Zwillings-Defizite der USA werfen dementsprechend nicht nur unter Experten die Frage auf, wann die Notenbanken gegensteuern müssen. Da unmittelbar keine Inflationsgefahr besteht, dürften sich die Notenbanken wohl auch weiterhin dafür entscheiden, die Zinssätze möglichst lange Zeit möglichst tief zu halten.

Einbahnstraßendenken ist passé

Selbst wenn sich die weltwirtschaftliche Erholung planmässig fortsetzt, wird es nicht steil aufwärts gehen. Noch immer sind die Kapazitäten in den Industrieländern gering ausgelastet. Die Unternehmen sind vorwiegend darum bemüht, die Kosten zu senken, um die Ertragslage zu verbessern. Auf eine bessere Nachfrage können sie erst setzen, wenn sich die Erholung gefestigt hat. In China ist das der Fall, in den USA vereinzelt, auf den europäischen Märkten dagegen nicht. Eine Expansion, die ihren Namen verdient, weil höhere Erträge bewirken, dass Unternehmen in neues Personal investieren und ihre Präsenz ausbauen, wird, so überhaupt, erst im Laufe des kommenden Jahres einsetzen; in Kontinentaleuropa nicht vor 2005.

Duchschnittliches Realwachstum des Bruttoinlandsprodukt per anno in Prozent

  1975-84 1985-94 1995-2004
USA 2,5 2,9 3,2
Deutschland 1,8 2,7 1,3
Frankeich 2,1 2,1 2,1
Grossbritannien 1,5 2,6 2,5
Japan 4,0 3,4 1,3

Die Tabelle „Wirtschaftswachstum (Quelle: IWF)“ führt das durchschnittliche jährliche reale Wirtschaftswachstum in den vergangenen 30 Jahren in wichtigen Industrieländern auf. Sie sollte als Anhaltspunkt dienen, in welchen Bandbreiten sich künftiges reales Nachfrage- bzw. Umsatzwachstum bewegen dürfte. Und sie sollte vor übertriebenen Aufschwungszenarien bewahren. Die Fälle Japan und Deutschland verdeutlichen, wie das Verschleppen wirtschaftlicher Reformen ein Land zu lähmen vermag. Dagegen operiert die US-Regierung in ihrer schwer defizitären Budgetpolitik mit den Wachstumsraten der vergangenen Jahre, die doch eher die Ausnahme als die Regel darstellen.

Selektive Börsentendenzen zu erwarten

An den Aktienmärkten wurde bereits viel künftiges Ertragswachstum vorweggenommen. Im Vergleich zur absehbaren wirtschaftlichen Erholung sind die Annahmen reichlich zuversichtlich. Nur finanziell gesunde und in den richtigen Branchen operierende Unternehmen – jedoch kaum der Gesamtmarkt – dürften diese Erwartungen erfüllen. Sie gilt es im Aufschwung 2004/2005 zu finden.

Nachlese

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--> USA in der Wachstumsfalle?
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Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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