Fatale Systemfehler in Spitälern: Jährlich bis zu 5000 Todesfälle

12. Dezember 2003, 20:33
26 Postings

Ärzte bemängeln Kommunikation, Versicherer orten steigende Experimentierfreude

Wien - "In Österreich sterben 3000 bis 5000 Menschen jährlich an vermeidbaren Fehlern im Spital", kritisiert Norbert Pateisky, ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, gegenüber dem STANDARD. Die drastischen Zahlen errechnete er aus internationalen wissenschaftlichen Vergleichsstudien: "Selbst wenn das österreichische Spitalwesen doppelt so gut wäre wie das britische oder das amerikanische, sind das bei 2,4 Millionen Aufnahmen im Jahr zehn Tote täglich", analysiert Pateisky.

Der Gynäkologe meint damit nicht etwa Kunst-, sondern systemische Fehler: "Immer wieder werden Blutkonserven, Medikamente und sogar Patienten verwechselt, Chemotherapien schlecht dosiert, die falsche Therapie gegeben oder die falsche Seite operiert." Pateisky führt einen Großteil solcher Fehler auf einen verbesserungswürdigen Ablauf zurück, denn: "Wir sind als Menschen extrem fehleranfällig, werden bei Überarbeitung müde oder unkonzentriert. Wir müssen daher das Rundherum optimieren."

Mangelnde Hygiene

Daten und Fakten zum Patienten sowie dessen Krankengeschichte sollten vor einer Operation checklistenmäßig durchgegangen werden, schlecht designte Arbeitsplätze, Medikamente mit ähnlichen Namen und "Handschriften, die man nicht lesen kann", vermieden werden. Ganz zu schweigen von der "Tatsache, dass 35 Prozent der Ärzte sich nicht an die Hygienevorschriften halten", sagt Pateisky, und bis zu 15 Prozent der Patienten sich daher im Spital Infektionen holen.

Ein kleines Beispiel: Eine deutsche Untersuchung unter Medizinern hat ergeben, dass sich 60 Prozent der Ärzte und 40 Prozent der Ärztinnen nach dem Besuch der Toiletten nicht die Hände waschen.

Verdoppelt würde diese Misere durch schlechte Kommunikations- und Fehlerkultur. Frage ein Facharzt den anderen etwas, werde er nicht selten angefaucht mit: "Ja, wissen Sie denn das nicht?", berichtet Pateisky. Statt eine "Shame-and-Blame-Kultur, die Schuldige sucht, zu pflegen", sollten Spitäler wie im Flugverkehr Listen von "Near Misses" und exakte Fehleranalysen machen: "Wenn bei uns etwas passiert, fragt niemand, ob es eine Leitlinie gab, ob der Arzt diese kannte und ob er überhaupt qualifiziert ist, den Eingriff durchzuführen", kritisiert der Facharzt an der Wiener Universitätsfrauenklinik.

Der volkswirtschaftliche Schaden durch vermehrte Rehabilitation, Arzneien, Frühpensionen und Invalidität sei nicht abzuschätzen. Allein ein Geburtsschaden koste bis zu 50 Millionen Euro.

Letzter Wissensstand

Siegfried Meryn, Internist am Wiener AKH und Vorstand des Instituts für medizinische Aus- und Weiterbildung, schlägt weniger laut Alarm, empfiehlt vor allem eine Verbesserung der Kommunikation zwischen Pflege, Ärzten und Patienten: "Alle Betroffenen müssen auf dem letzten Stand des Wissens sein", betont Meryn - mit Hinweis auf eine durch wissenschaftliche Studien abgesicherte Evidence Based Medicine.

Auch Michael Zimpfer, Vorstand der Wiener Uniklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin, sieht die Notwendigkeit, Flüchtigkeitsfehler zu vermeiden, "doch wenn eine Einheit immer auf vollen Touren läuft, erhöht sich die Zahl der Fehler". Zimpfer legt besonderen Wert auf die "psycho-hygienischen Verhältnisse der Mannschaft".

Für Assekuranzen sind Spitalshaftpflichtversicherungen schon lange ein Verlustgeschäft. Franz Laurer, stellvertretender Vorsitzender der Wiener Städtischen Versicherung, die 35 Spitäler in Österreich versichert, spricht von einem Versicherungsminus von 250 Prozent bei 500 Schadensfällen pro Jahr - wobei medizinische Fehler nicht einzeln ausgewiesen seien, sondern "das geht vom verlorenen Gebiss über die Dachlawine bis zum falsch operierten Knie", sagt Laurer. Zudem sei "die Medizin experimentierfreudiger" geworden, die Patienten anspruchsvoller und "klagefreudiger".

Die Versicherungen drängen daher "ihren" Spitälern bei zu hohen Schäden Risikomanager auf, die die Organisation evaluieren und Verbesserungsvorschläge machen. Werden diese nicht angenommen, steigen die Prämien. 70 Prozent der beim Risikomanagement angemeldeten Fehler seien rein organisatorischer Natur, sagt Wolfgang Kuntzl, Risikoberater bei der Eclesia. Er sieht die Hauptprobleme in der Aufklärung des Patienten durch den Arzt sowie in der Dokumentation. (Eva Stanzl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 12. 2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.