Charme des Übergangs

17. Dezember 2003, 20:03
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Volksopernchef Rudolf Berger präsentiert mit Suppés "Boccaccio" die zweite Premiere seiner Ära - Ein Gespräch

Wien - Die Klimaanlage zum Beispiel. Sie ist zwar schon da, aber es fehlen "300.000 Euro, um sie fertig zu stellen", sagt Rudolf Berger. "Wenn man davon redet, dass wir im Sommer vermieten sollen, dann muss die eben her." Es sei ja temperaturmäßig im Sommer ziemlich unerträglich - beim Jazzfest Wien, mit dem Berger zurzeit Gespräche führt, könnten die Besucher ihre schweißtreibende Erfahrung damit machen.

Das dürfte Bergers geringstes Problem sein. In einer Art fliegendem Wechsel hat er von Dominique Mentha die Direktion der Volksoper übernommen, hatte gleichsam planend auf einen fahrenden Musiktheaterzug aufzuspringen. Und er musste bemerken, dass ihm der Vorgänger zwar ein ausgeglichen bilanzierendes Haus hinterlassen hat - "unter Mentha wurden die Sparvorgaben glänzend erfüllt". Er sah aber auch, dass in puncto Image einiges "erfolgreich" krankgeredet worden war.

"Unabhängig von dem, was hier auf der Bühne stattfand, war von vornherein alles nur noch negativ besetzt. Das hatte schon etwas Irrationales. Das zu stoppen war vordringlich, und das ist auch gelungen. Auch die Auslastung geht hinauf. Sie ist noch nicht dort, wo sie sein sollte, und ich bin sicher kein Auslastungsfetischist. Aber ein Publikum, das spazieren geht, das kann nicht mein Ziel sein."

80 bis 82 Prozent schweben Berger mittelfristig vor. Aber sicher nicht "jetzt in dieser Saison des Übergangs." Auch bei 100 Prozent allerdings gäbe es Probleme, die nicht vom Haus selbst gelöst werden können. "Es darf uns nicht auf den Kopf fallen, dass hier gut gespart wurde. Es wäre etwa dringend notwendig, im Marketingbereich investieren zu können. Auch bei der Basisabdeckung muss sich etwas tun. Es ist eine Schande, wie wenig Orchestermusiker und manche Solisten verdienen."

Nach etwas mehr als hundert Saisontagen ist er zwar zufrieden - Martha, die erste Premiere seiner Ära, ist ein Publikumsrenner, Zusatzvorstellungen wurden eingebaut. Martha hat Berger allerdings, was ihn ein bisschen wurmt, ins Eck des Altbackenen gestellt. Und in der Tat muss er erst noch den Beweis erbringen, dass er das Haus in die Gegenwart zu führen gewillt ist. Leute wie Stefan Herheim, dessen Entführung in Salzburg für Aufruhr gesorgt hat und der an der Volksoper Puccinis Madame Butterfly inszenieren wird, geben Hoffnung.

Und immerhin eröffnet die nächste Saison Oliver Tambosi - auch keiner der braveren Regisseure. "Ich bin Eklektiker, möchte keine Richtung ausschließlich forcieren. Jede Theatervorstellung sollte Emotion rüberbringen. Wenn das Publikum schon mit einer Abwehrhaltung reingeht, das bringt nichts, das musste ich verändern. Man muss Emotionsschleusen öffnen, an die Sachen behutsam rangehen, dann kann man das Haus auch aus den Angeln heben."

Nicht unbedingt bei der Operette, meint Berger: "Wenn Erneuerung heißt, die Operette zu zerschlagen und sie wieder zusammenzusetzen, dann ist das nicht wirklich etwas für mich. Dann lieber ein neues Werk schreiben lassen; das will ich versuchen. Die Geschichte soll etwas mit Wien zu tun haben. Wenn Kottan eine Operette gewesen wäre, wäre das dann das, was mir vorschweben würde."

Allein, es müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Deshalb wird die Volksoper als einziges Bundestheaterhaus ab 1. Jänner den gesamten Rest der Saison zum Verkauf anbieten - "bisher konnte man nur einen Monat im Voraus Karten erstehen."

Ob die Menschen, die mittelfristig Karten erstehen werden, noch das Vergnügen haben werden, den Musikchef Marc Piollet zu hören, wird sich weisen. "Wir werden uns im Februar zusammensetzen und über die Zukunft reden", so Berger. Könnte sich erübrigen. Denn Piollet hat sich in Wiesbaden für einen Generalmusikdirektorposten beworben. Berger, überrascht, aber gefasst: "Man kann eine Bewerbung natürlich auch zurückziehen." (DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.12.2003)

Von Ljubisa Tosic
  • Rudolf Berger (re.), hier mit Bernd Weikl: "Unabhängig von dem, was hier stattfand, war von vornherein alles nur noch negativ besetzt. Das zu stoppen war vordringlich."
    foto: volksoper wien/dimov

    Rudolf Berger (re.), hier mit Bernd Weikl: "Unabhängig von dem, was hier stattfand, war von vornherein alles nur noch negativ besetzt. Das zu stoppen war vordringlich."

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