Sehstörungen

15. Dezember 2003, 14:38
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Christoph Schlingensief, Regisseur von "Bambiland" am Burgtheater, im Gespräch mit Claus Philipp

Christoph Schlingensief über den Anfang: "...und dann geh ich weg, das Licht geht wieder an, das bleibt so fünf bis zehn Minuten an, dass man so denkt, was ist denn jetzt, und dann komm ich wieder raus, hab so eine Phettberg-Perücke auf, den Mantel vollgestopft, eine Brille, und brülle:

ELFRIEDE JELINEK HAT EIN STÜCK GESCHRIEBEN! BAMBILAND. GUTE UNTERHALTUNG! FILM AB!

Der Film geht los, ich setze mich rechts hin, und dann beginnt aus ATTA ATTA die Filmsportgruppe Schlingensief: Aktionsfilmer in der Tradition von Günter Brus, Otto Mühl und Klaus Bachler.

WIR WOLLEN MIT UNSEREN FILMEN ETWAS VERÄNDERN, hoffen, dass die Kassette genommen wird, HABEN SCHON AUF DIE ÖSTERREICHISCHE FLAGGE GEKACKT, wollen groß rauskommen, WIR HABEN SCHON ALLES HINTER UNS, wollen am Ball bleiben.

Und dann kommen Brigitte Kausch und Dietrich Kuhlbrodt als meine Eltern: Brigitte als meine Mutter, und das ist schon mal Klasse, weil die sich an gar nichts hält, und Dietrich als Ersatzvater, aber Richtung Nitsch..."

Burgtheater – Feindbild? Wunschbild?

"Komischerweise arbeitet man hier – ich weiß nicht, ob das an mir liegt, und vielleicht ist das ja anders, wenn ich jetzt auf die Bühne gehe - ... also in der Probe kommt es bei mir immer wieder zu Hasstiraden, wo ich plötzlich losbrülle:

ICH DARF NOCH EINMAL ALLEN BETEILIGTEN MITTEILEN, DASS ICH NACH MITTLERWEILE VIER WOCHEN PROBE IMMER NOCH MASSLOS ENTTÄUSCHT BIN.

Weil ich nicht weiß, ob sie immer noch nicht kapiert haben, dass sie hier als Menschen anwesend sind mit ein paar Textfetzen im Nacken, stattdessen aber versuchen, Haken zu schlagen, um eventuell mitzumachen, oder sich darauf zu beschränken, sich als Erfüllungsgehilfen eines Systems zu betätigen, das sie von vorn bis hinten verraten und verkauft hat, indem es sie zu pseudoengagierten Platzhaltern einer Idee eines Autors oder eines Regisseurs degradiert. Gleichzeitig sind alle Türen zum Paralleluniversum mit dicken, fetten Nägeln zugeklopft. Zehn Tage vor der Premiere entwickle ich also so einen unglaublichen Wahn von Verfolgung und Widerstand und Mobilisierung. Das ist auch ganz wichtig: Wie wenn man zu einem Drehort kommt, und der Lokalbesitzer sagt: In 10 Minuten dreh ich aber das Licht aus. Das ist ein Widerstand. Da überleg ich gleich, ob ich Kerzen aufbaue, oder ob ein Autoscheinwerfer zur Beleuchtung für die Szene ausreicht..."

Artaudsche Glocke.

"...Man fragt: Was heißt derzeit dieses Nicht-Filme-Drehen-Können für dich? Das heißt: Fragen, warum ich noch am Theater klebe, obwohl ich doch ganz klar weiß, dass diese Artaudsche Glocke, die ich immer so imposant fand, dass etwas ganz Lautes läutet, und der Zuschauer durch den Schmerz dieses Glockentons nicht nur beschädigt, sondern auch integriert wird ... obwohl

KEINER BLEIBT MIT EINEM GERISSENEN TROMMELFELL IN EINER AUFFÜHRUNG SITZEN...

also ist aus dieser Glockenidee – den Zuschauer mit all seinem Schmerz und seinem Widerstand gegen den Schmerz reinholen – ist dann am Theater die Totenglocke geworden. Das kleine KLINGELINGELING, wo man dann reingeht und sich sicher fühlt, weil man ja auf eine Beerdigung geht: Zu Menschen die so tun, als ob. Da kam ich drauf wegen Nepal. Da holen die die Toten noch einmal raus, tragen die durch die Stadt, tanzen ekstatisch dazu: Man nimmt Abschied.

Das kann man auch sehr gut, wenn ein Schauspieler sagt: Ich bin jetzt der Napoleon. Den kann man ankucken und Abschied nehmen: Es ist ja gar nicht der Napoleon. Also ist das ein Bekenntnis zum Abschied. Theater als Bekenntnis zum Abschied ist aber so nicht definiert und formuliert, glaube ich. Theater glaubt immer noch, es wäre im Aufbruch, als Reaktion auf die Jetztzeit. Aber um tatsächlich aktuell zu sein, müßte es Abschied nehmen von sich selbst.

Das tut das Theater nicht. Und deshalb immer noch: Verlockende Realität, der Regisseur kommt angereist, hat Informationen auf anderen Friedhöfen gesammelt, und man gibt sich eine archäologische Arbeitsweise: Stell dir vor, du hast deine Tage bekommen. Stell dir vor, du bist Mephisto. Stell dir doch mal soundso vor. Da aber keiner das Bekenntnis zu einer riesigen Beerdigung hat, kommt es zu gar nichts. Der Film ist da weiter: Weil er Einzelbilder produziert, wie der Vater im Jelinek-Text, der dieses Bild von seinem toten Sohn hochhält:

LOOK AT THIS PICTURE!"

 Marx, Groucho.

"Ich würde sagen: Im großen politischen Rahmen wäre ich ein Diplomat wie Groucho Marx. Zu dem sagt man: "Schaffen Sie Frieden." Und dann geht er raus und sagt zu dem Baron: "Sie sind eine miese kleine Drecksau. Nehmen Sie dies!" DOFF! DOFF! Kriegserklärung!"

Church of Fear

"Mittlerweile gibt es so viele unterschiedliche Bilder, die sich dazu bekennen, dass es sie gibt. Bilder, die eigentlich im Repertoire der Church of Fear gar nicht vorgesehen waren. Zuerst waren das so Motive mit Kunstbe flissenen in Venedig rund um Pfahlhocker, oder diese kleine Kirche bei der Biennale, wo die Amerikaner entzückt drauf los stürzten:

OH, THAT'S MY WEDDING CHURCH!

Und dann schallte da ein Muezzin raus. Da fing das Ganze relativ lieblich an. Dann: Die Church of Fear in einem Orkus von Ereignissen in Frankfurt oder in Nepal, das Ganze verliert den Charakter einer Kirche der Angsterfüllten, die Verände rung und Bushs Tod fordert. Sie lernt ein anderes System kennen. Also: Wandernder Leib – eine Wanderung, völlig unaufgeregt, eher erschöpft, aber die Bilder werden wilder, die Fotos merkwürdiger.

Und jetzt: Prozession durch Wien mit einem UNO-Soldaten und zwei ungarischen Damen, die Geschlechtsarbeit machen. Da sind jetzt Bilder, zwischen denen liegen, von den Pfählen zwischen den Beinen und der Ge schlechtsarbeit, keineswegs Welten, sondern alles scheint miteinander zu tun zu haben. Es verwebt sich was. Deshalb kuck ich jetzt auch meine alten Filme wieder an und da sieht man auch schon:

Hauptmotive, immer wieder variiert.

Alfred Edel in Tunguska - Die Kisten sind da. Der steht da mit mit einer Gabel und sagt: "Diese Gabel wird Sehgewohnheiten verändern." Die 120 Tage von Bottrop: Vol ker Spengler packt Margit Carstensen, weil sie nicht richtig spielen will mit Irm. Dann kommt Mario Garzaner und sagt:

WER UNTEN OFFEN IST, SOLLTE OBEN ZU SEIN.

Worauf Margit sagt: Was ist denn das für Text? Und dann sagt Volker zu Margit: "Nimm dich mal in acht, sonst brenn ich dir mit meiner Zigarette ein Loch in deine Linse."

Wäre es eine Katastrophe für Sie, schlecht zu sehen? "

Ja, schlecht wäre sogar noch im Rahmen. Aber wenn's anfängt zu flirren wie bei meinem mittlerweile fast blinden Vater, wenn Blitze kommen oder Luftballons aufstei gen, weil die Flüssigkeit... Kürzlich waren es rote und grüne Luftballons, dann Blitze, dann kam die Netzhautablösung, dann war's mal alles rot, dann ist es dunkler geworden, dann gibt es jetzt so riesen Teilkörper, die drin rumschwimmen ... Im Restaurant steht er plötzlich auf und schreit: Es ist alles voller Moos! Oder er steht vor einem Busch und sagt – obwohl, er ist ja nicht wahnsinnig - immer wieder: Anni?! An ni?

Und dann kommt der Kellner vorbei und denkt: Was ist denn mit dem Mann los? Aber mein Vater meinte da grade, dieser Busch sei meine Mutter. Und dann erkennt er wieder Photos oder er geht durch die Wohnung und man spürt: Er weiß wo er ist. Er hat praktisch einen echten Experimental filmprojektor im Auge. Und er redet nur noch über das Auge und die Krankheiten anderer. Aber er kann halt all das nicht erleben, was er sich für die Rente vorgenommen hat.

ER wollte in Pension gehen und dann reisen. und alle möglichen Sachen. Und die einzigen, die jetzt reisen, sind seine Freunde. Die sind immer unterwegs und schreiben Postkarten, die ihm meine Mutter vorliest:

LIEBE GRÜSSE AUS KANADA.

Dazu kommen dann die Packungen meiner Mutter, die es seit frühen Tagen gewohnt ist zu meinem Vater beim Autofahren zu sagen:

KUCK MAL DA. KUCK MAL DA. Oder vorm Fernseher: HAST DU DAS GESEHEN. Obwohl ich sie anbrülle: Mama, der PAPA KANN DAS NICHT SEHEN!

Panik "

... und ich wache immer öfter nachts auf, und wenn ich dann im Hotelzimmer liege wie hier, dann kucke ich eben immer: Rechtes Auge, linkes Auge, ob ich das rote, grüne Lichtchen am Fernseher noch sehen kann. Das ist so in mir drin: Das kann gleich ausfallen. Die Panik hab ich. Die hat mir mein Vater geschenkt. So wie ich mich manchmal selbst dabei ertappe, dass ich schmatze wie mein Vater.

Und ich habe Obsessionen im Kopf, die mein Vater nie ausgelebt hat. Das sind wieder genau die Beweggründe, die mich auch an Bush mehr interessieren würden, als zu sagen, er hat seine Alkoholkrankheit besiegt. Es würde mich eher interessieren, was er da ertränken musste." (Bambiland-ALBUMM/ DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.12.2003)

Der vorliegende Text basiert auf einem Gespräch zwischen Christoph Schlingensief und Claus Philipp
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