Ein Rucksack voller Geld

23. Mai 2005, 16:47
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Die Rucksacktouristen von heute haben die Kreditkarte in den Designerjeans

Sie bilden auf dem Reisemarkt ein neues, zahlungskräftiges Kundensegment. Mehr noch: Sie lassen sich von Krisen und Kriegen nicht vom Reisen abhalten.


Zwei graue Novemberwochen verbrachte Mieke Woelkg in ihrer Heimatstadt Berlin. "Ich musste meinen Freund sehen", erzählt sie in einem Café in Sydney. Denn eigentlich ist die 21-Jährige auf Weltreise. In den USA war sie schon, unter Südseepalmen in Fidschi und jetzt eben ist sie in Australien.

Mieke ist die typische Rucksacktouristin. "Die Backpacker sind unter 30, lieben Fernreisen, sind spontan und über längere Zeiträume unterwegs", erläutert Anna Bolger. Die Redakteurin im Melbourner Büro der Backpacker-Bibel "Lonely Planet" weiß auch, wie sich die modernen Rucksacktouristen mit Kreditkarten in den Designerjeans von den Globetrottern der Hippiegeneration ihrer Eltern unterscheiden: "Sie suchen nicht den Sinn des Lebens. Sie wollen einfach nur weg und zwischen Schule und Uni etwas erleben. Ohne Plan."

Auf der Erlebnisagenda stehen nicht etwa Sehenswürdigkeiten, Naturwunder und das Baumelnlassen der Seele an einsamen Stränden ganz oben. Gefragt sind vielmehr Fun, Nervenkitzel und Extremsportarten wie Bungeejumping.

Der Hit im Reiseprogramm aber sind Partys. "Sightseeing ist allenfalls eine Beschäftigung, um die Zeit zwischen Partys totzuschlagen", weiß Victor Pastuszak, Generalmanager von Sydneys modernstem Backpackerhotel "Wake Up". Backpacker sind sehr widersprüchliche Wesen. Sie sehen sich selbst als eingefleischte Individualisten und sehen rot, wenn man sie als Touristen tituliert.

"Backpacker verstehen sich als Reisende", heißt es in einer Marktanalyse von Tourism New Zealand. Gleichzeitig aber sind die Kinder der Babyboomgeneration Herdentiere. Bondi Beach in Sydney, Koh Samui in Thailand oder die Yasawas im Fidschi-Archipel sind fest in der Hand der jungen Leute aus den USA und Europa. Kontakt mit Einheimischen? Weit gefehlt. Sie schlafen in denselben Hostels, trinken in den gleichen Kneipen, sonnen sich am gleichen Strand. "Ich habe Leute aus aller Welt kennen gelernt, nur keine Australier", erzählt der Kanadier Tim Brougham nach drei Monaten down under. Die Rezeptionen der Backpackerhotels ertrinken geradezu in den Massen bunter Broschüren, die organisierte Abenteuer und coole Partys anpreisen.

"Je mehr Pauschaltouren die Branche anbietet, desto mehr verlieren die Backpacker ihre Unabhängigkeit", gibt Pastuszak zu. Puristen des Reisens mit dem Rucksack verachten die Globetrotterversion der MTV-Generation als "McBackpacking". Hostels wie das "Wake Up" mit Cocktailbars, Internetcafés, Discos und Chillout-Lounges sind die Jugendherbergen des 21. Jahrhunderts. Vorbei die Zeiten, in denen die Tramper in Flohbuden hausten oder sich von strengen Herbergsvätern um 22 Uhr das Licht abdrehen ließen.

Als erster internationaler Hotelkonzern hat Accor den Rucksacktouristen entdeckt. Im vergangenen Jahr startete das bisher im Luxus- und Mittelklassesegment aktive Unternehmen in Neuseeland mit zunächst drei Häusern die Hostelkette "Base Backpackers" und ist im Begriff, das Herbergsnetzwerk auf Australien auszuweiten. "Der Backpacker-Markt gilt als das am schnellsten wachsende Marktsegment", sagt Graeme Warring, Chef des neuen Geschäftszweiges von Accor.

Mit der Etablierung des Labels "Base" hoffen die Accor-Strategen, von dem ausgeprägten Markenbewusstsein der jungen Generation zu profitieren. Das Unternehmen hat aber mehr vor, als ein dichtes Netz von Hostels über die Welt zu legen. "Wir wollen ein völlig neues Marktsegment schaffen", verkündet Accors Chef für Asien und Ozeanien, Michael Issenberg, unbescheiden.

Backpacking könne auch für neue Gruppen wie Rentner, Familien, Sportler oder Bildungsreisende eine attraktive Form des Reisens werden. Die Hoffnung ist nicht unbegründet. Rucksacktourismus nämlich ist schon jetzt keine Domäne später Teenager und früher Twens mehr. Immer häufiger werden in den Herbergen zwischen Cairns und Christchurch ältere Menschen mit Rucksack gesichtet. "Champagner-Backpackers" nennt Pastuszak diese zwischen 30 und 40 Jahren alte Spezies.

"Nach Uni, Ehe und ersten Berufsjahren suchen sie einen Ausstieg auf Zeit und die Gelegenheit, ihr Leben in den Griff zu bekommen", charakterisiert Pastuszak die neue Klientel. Sehr zur Freude der Branche. "Die reisen nicht mit einem beschränkten Budget wie die jungen Leute", weiß Pastuszak.

Aber auch für den Moment sind die Backpacker vom Schmuddelkind zum Darling der Tourismusindustrie avanciert. Denn weder Bomben in Bali, Krieg im Irak, heimtückische Killerviren in Südostasien und Rezession im Heimatland haben den Nachwuchstouristen die Reiselust vermiest. "Die sind bemerkenswert immun gegen Krisen", staunt das australische "Büro für Tourismusforschung".

Zwar sei im vergangenen Jahr die Gesamtbesucherzahl um 21 Prozent zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum aber habe eine Rekordzahl von Backpackern den Weg down under gefunden. Mehr noch, mit umgerechnet 3230 Euro verjuxen die Party-Backpacker fast das Doppelte des Budgets eines gewöhnlichen Pauschaltouristen. Gesamtwert für Australien: umgerechnet 1,6 Milliarden Euro. Backpacker als Retter und Motor für eine Not leidende Branche. Der Wermutstropfen: Die Backpacker bleiben nicht mehr ganz so lange in Australien. Schuld ist die zunehmende Konkurrenz. Nach dem Wegelagererprinzip versuchen umliegende Länder wie Fidschi oder Neuseeland an der Rucksackbonanza teilzuhaben, indem sie den endlosen Strom der Australienreisenden noch mehr Fun, noch mehr Sport, noch mehr Party versprechen. Mit Erfolg. Bei unverändertem Zeit- und Geldbudget wird auf Kosten der Aussies aus dem Australientrip

die Ozeanienreise. Entschlossen greifen auch asiatische Länder in den Rucksack voller Geld. Malaysia umwirbt die Rucksacktouristen ebenso wie Südkorea als Neuling auf der touristischen Landkarte: "Immer mehr Backpacker nutzen für ihren Flug nach Asien oder Australien die günstigen Preise von Korean Airline und legen in Seoul einen Zwischenstopp ein", freut sich Jennifer Doherty, Vertreterin der "Korea National Tourism Organization" in Sydney.

Zum Leidwesen der Branche erweisen sich die Backpacker aber auch als marketingresistent. Sie verlassen sich lieber auf Mundpropaganda", heißt es in einer Marktanalyse von Tourism New Zealand. "Lonely Planet"-Redakteurin Bolger sagt: "Ihr Reiseplan ist nicht in Stein gemeißelt. Sie sind impulsiv und flexibel." Auch wenn sich zunehmend eine ganze Industrie um die Backpacker herum entwickelt, blieben sie unabhängig. Pastuzsak betont: "Sie wissen sehr genau, was sie für ihr Geld wollen, und reagieren sehr empfindlich bei dem Gefühl, ausgenommen zu werden." Auch Accor gibt zu, mit dem Marketing der Backpacker unbekanntes Terrain zu betreten. Warring, mit immerhin 15 Jahren Erfahrung im Backpackermarkt, weiß lediglich: "Die traditionellen Instrumente sind in diesem Segment unwirksam."

Mieke Woelgk kümmert das alles nicht. Allein das große Abenteuer zählt, das Leben im Hier und Jetzt und - mehr noch - das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. "Die Hostels sind wie eine große Wohngemeinschaft, und man kann tolle Leute kennen lernen." Oft seien das zwar nur Freundschaften auf Zeit, räumt sie ein, aber auch diese könnten sehr intensiv sein. Das Leben in Schlafsälen und Gemeinschaftsküchen habe aber auch seine Schattenseiten, gibt die Berlinerin zu. "Niemals ganz alleine für sich sein zu können, das schlaucht." Aber unter dem Strich ist sie sehr zufrieden mit ihrem Vagabundenleben auf Zeit. (DerStandard/rondo/Michael Lenz/12/12/03)

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