Auf eigene Faust

25. Mai 2005, 11:56
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Mit rigorosen Sicherheitsmaßnahmen reagierte Ägypten auf die Anschläge islamischer Extremisten vor sechs Jahren

Seitdem müssen sich Individualreisende im Konvoi auf Entdeckungstour machen.

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Sechs Jahre ist es her, dass islamistische Extremisten am Tempel der Hatshepsut in Luxor 58 Touristen töteten, und seither hat es in Ägypten - anders als in Marokko, Algerien oder Tunesien - keinen einzigen Anschlag auf Ausländer mehr gegeben. Der starke Arm des Regimes hat die Terrorgruppen unterdrückt und die Sicherheit wieder hergestellt.

Doch die Polizei in Oberägypten geht weiterhin kein Risiko ein. Die Stadt Luxor selbst und das Tal der Könige sind offen. Aber wer die Tempel in der Umgebung besuchen will, muss sich einem der bewaffneten Konvois anschließen, die nur zu bestimmten Tageszeiten losfahren und keine ungeplanten Stopps erlauben.

Für Reisegruppen sind die Konvois kein Problem, da sie sich ohnehin an einen Zeitplan halten müssen. Und die meisten Ägypten-Besucher erleben Oberägypten aus der sicheren Distanz der Nil-Kreuzfahrtsschiffe. Doch wer angesichts der weit gehenden Ruhe im Land Ägypten auf eigene Faust erforschen will, kommt bald darauf, dass man dem Konvoi nicht entkommt. Die Zugfahrt von Luxor nach Quena, einer früheren Hochburg der Islamisten, dauert nur eine Stunde. Doch am dortigen Bahnhof ist kein Taxifahrer bereit, den Ausländer zum nahe gelegenen Tempel von Dendera mitzunehmen - er wäre sofort seine Lizenz los.

Wir mieten uns daher in Luxor ein Taxi, das uns zeitig in der Früh zum Sammelplatz der Touristenpolizei bringt und dann im Konvoi mitfährt. "Der Konvoi ist nur dazu da, dass sich die Polizei hier wichtig machen kann", schimpft Mohammed, unser Fahrer. Wenn es noch Terroristen gäbe, räsoniert er, wäre ein kleines Auto mit zwei Europäern weit weniger gefährdet als eine Gruppe mehrerer Reisebusse. Doch Mohammed weiß, dass er sich mit der Polizei nicht anlegen darf.

Die Fahrt führt nach Norden den schmalen grünen Landstrich entlang, der den Nil von der Wüste trennt. Unser erstes Ziel ist der Tempel von Abydos, die Grabstätte des Gottes Osiris, in dem sich über einen Zeitraum von 4500 Jahren Pharaonen und andere hochgestellte Ägypter begraben ließen. Acht Reisebusse und einige Taxis bleiben am Vorplatz stehen, und mehrere Hundert Touristen strömen gleichzeitig heraus. Die vor allem unter Pharao Seti I., Vater des berühmten Ramses II., erbaute Tempelanlage mit ihren dunklen Säulenhallen ist groß genug, dass sich die vielen Besucher darin verlaufen. Dank der Polizeiabsperrungen bleiben wir von den lästigen Souvenirverkäufern, die früher alle Tempel heimsuchten, verschont.

Der Konvoi fährt nicht los

Der Weg zurück führt über Dendera, den erst unter den Ptolemäern begonnenen und von den Römern vollendeten Tempel der Hathor. Die Zahl der Reisebusse ist inzwischen geschrumpft, die idyllische Stimmung der späten Nachmittagssonne wird kaum gestört. Nach einer Stunde kehren wir zum Wagen zurück, doch der Konvoi fährt nicht los. Ein Reisebus ist verspätet aus dem Norden ohne Konvoi angekommen. Dem Fahrer droht die Festnahme, seine Passagiere sollen auf andere Busse verteilt werden. Doch diese weigern sich. Der Streit dauert fast eine Stunde, bis die Polizei nachgibt. Der Konvoi bricht endlich nach Luxor auf, dem Fahrer bleibt das Gefängnis erspart.

Auch die Fahrt von Luxor nach Assuan ist nur im Konvoi möglich. Am Tempel von Esna kommen wir vorbei, doch ein Stopp ist nicht eingeplant. Dafür aber halten wir in Edfu beim fast völlig intakten Horus-Tempel aus ptolemäischer Zeit just dann, als auch Tausende Kreuzfahrtpassagiere an Land gehen und sich in den engen Tempelgängen drängen.

An den wildromantischen Ruinen von Kom Ombo am Nilufer sind wir dann fast allein - nur wenige Schiffe legen hier an. Die Fahrt von Assuan nach Abu Simbel erweist sich als überraschende Lücke im Sicherheitsnetz. Problemlos steigen wir zu Mittag in den öffentlichen Bus, der uns gemeinsam mit Arbeitern der Umgebung einige Hundert Kilometer durch die menschenleere Wüste bis ans Südufer des Nassersees fährt, wo die monumentalen Tempel von Ramses II. und seiner Frau Nefertari stehen.

Der verdutzte Polizist vor Ort fragt uns mindestens viermal, wie wir denn hergekommen seien, aber er hält uns nicht auf. Fernab der Touristenmassen können wir die Tempelanlagen am Abend und zeitig in der Früh in Einsamkeit bewundern. Als um neun Uhr morgens die ersten Touristenmassen eingeflogen kommen, sind wir bereits auf dem Weg zurück nach Assuan, von wo uns der Nachtzug nach Kairo bringt.

Mohammed will es wagen

Das Konvoisystem ist voller Absurditäten: Die Polizei von Luxor lässt Touristen nicht nach Westen zur Oase Kharga fahren, der umgekehrte Weg aber ist offen. Erst am Ende unserer Reise fordern wir das Regelwerk heraus. Vom Badeort Al-Quseir am Roten Meer müssen wir zum Flughafen nach Luxor zurück. Der direkte Weg führt über das Wadi Hammamat, eine alte Pharaonenroute mit jahrtausendealten Graffiti an den Steinwänden. Die Straße ist für Ausländer gesperrt, die Polizei verlangt einen hundert Kilometer langen Umweg.

Aber Mohammed, unser unerschrockener Fahrer aus Luxor, will es wagen. Er holt uns zeitlich in der Früh vom Hotel ab und bringt uns bis zur Straßensperre, wo ein ägyptischer Offizier uns partout nicht durchlassen will. Wir erzählen, dass wir uns mit der Zeit geirrt haben und wir den Flug verpassen würden, wenn er uns nicht fahren ließe.

Wir haben großes Glück und erleben am letzten Tag eine Fahrt durch eine Zauberwelt, die sonst kein Tourist zu sehen bekommt: Ruinen von Dörfern aus römischer Zeit, jahrtausendalte Brunnen und schließlich die Wände mit den herrlichen Hieroglyphen, die dank des trockenen Wüstenklimas kaum verwittert sind. "Ducken", ruft Mohammed, als wir im Nildelta einlangen. Er will nicht noch hier von der Polizei aufgehalten werden. Doch ohne jede Schwierigkeiten gelangen wir zum Flughafen - mit einem kleinen Sieg über das so sichere, aber lästige Konvoisystem. (DerStandard/rondo/Eric Frey/12/12/03)

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