Neuer Sat.1-Chef Roger Schawinski - Der Pirat von der Goldküste

26. Jänner 2004, 15:22
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Privat-TV-Veteran Roger Schawinski (58) ist der neue Chef von Sat.1

Wenn es um die Quoten geht, sprechen die Medienprofis gern neudeutschen Klartext: "Big-Time-TV" mache er jetzt als Chef von Sat.1. Das sei "eine richtige Challenge". Für diesen Schleudersitz kommen deshalb nur die Härtesten infrage. Roger Schawinski meint dazu: "When the going gets tough, the tough get going." Das heißt so viel wie: Wenn die Hacken tief fliegen, leckt man als wilder Hund erst richtig Blut. Das Motto von Sat.1: "Powered by emotion."

Als Langstreckenläufer, der auch schon beim Wiener Marathon mitgemacht hat, weiß der 58-Jährige um die Bedeutung des Begriffs Zähigkeit. Zäh und stur sind Nachbarn. Zwar kennt "Roschee" Schawinski außerhalb der Schweiz noch so gut wie niemand. In Zürich ist der jüdische Medienzampano allerdings bekannt wie ein bunter Hund. Nach dem Studium in St. Gallen und in den USA arbeitete der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Doktor der Juristerei zunächst als Journalist für das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen. Er gründete dort 1974 die bis heute erfolgreichste Sendung, das Verbrauchermagazin Kassensturz, das er bis zu seinem Weggang vom DRS auch moderierte. Von 1977 bis zu seinem Rausschmiss 1978 war er Chefredakteur der dem Migros-Konzern gehörenden Boulevardzeitung Tat.

Piratenradio

1979 gründete er das erste Schweizer Privatradio. Radio 24, mit dem er seinen Ruf als Wilhelm Tell des elektronischen Zeitalters begründete, sendete zunächst als Piratenradio von einem italienischen Berggipfel aus 120 Kilometer weit in den Großraum Zürich. 1983 wurde es offiziell genehmigt. Bis heute ist Radio 24 der erfolgreichste eidgenössische Privatsender.

Schawinski wurde Chef der (erfolglosen) Filmfirma Stella. 1989 gründete er das Zürcher Szenemagazin Bonus, das er 1999 an den Medienriesen Tamedia AG verkaufte.

Schawinski gründete Tele Züri. Dieses ging 1994 als erster lokaler TV-Sender in Betrieb. Vier Jahre später startete er mit Tele 24 das erste landesweite Privat-TV. Auch hier moderierte der von der Konkurrenz als "eitler Charismatiker" angefeindete und gern wegen seiner telegenen Aggressivität mit seinem Frankfurter TV-Kollegen Michel Friedman verglichene Mann mit Talk Täglich eine Show.

Als die Luft finanziell dünn zu werden begann, verkaufte Schawinski bis 2001 seine Firmenanteile wiederum an die Tamedia AG. Dieses Geschäft brachte ihm kolportierte 60 bis 90 Millionen Franken (39 bis 58 Mio. €) ein - und Tamedia in die Krise. Heute lebt der Vater dreier Kinder in dritter Ehe standesgemäß in einer Villa an der Zürcher "Goldküste". "Roschee" war zuletzt Kolumnist für die Weltwoche und schrieb Bestseller wie "Das Ego-Projekt - 100 Jahre Lebenslust" oder "Wer wird Milliardär?". Wer "Big Time" lebt, sieht auch hier "eine Challenge". (Christian Schachinger/DER STANDARD; Printausgabe, 11.12.2003)

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    Roger Schawinski

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