Vom Schafgraben aufwärts

16. Dezember 2003, 00:34
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Ergebnisse: Auktionen der Villa Grisebach

"Wir haben sehr gut abgeschnitten und sind sehr zufrieden" kommentiert Bernd Schultz, Geschäftsführer der Villa Grisebach Auktionen Berlin, das Ergebnis der dreitätigen Herbstversteigerungen. Das fällt in wirtschaftlich komplizierter Lage mit einem Erlös von 9,1 Mio. Euro (incl. Aufgeld) und einer Zuschlagsrate von 97 Prozent ansehnlich aus und hat doch ungewöhnliche Aspekte.

Denn nicht die unbestrittene Domäne der Villa Grisebach, die klassische deutsche Moderne, hat das Ergebnis geprägt, sondern ein Bild des 31 Jahre jungen Adolph von Menzel. Der ist mit Max Liebermann auch sonst dort vertreten. Diesmal aber schaffte er eine Sensation. Der Schafgraben in Berlin von 1846 gilt neben dem Balkonzimmer mit weiß wehendem Vorhang aus gleicher Zeit vielen als Schlüsselwerk, das mit lichter, nuancierter Farbigkeit den Impressionismus vorwegzunehmen scheint. Dass es Bild nach nun geklärten Restitutionsansprüchen einvernehmlich und so erfolgreich angeboten wurde, überraschte doch.

Auf 500.000 Euro taxiert, ging es gegen die Gebote eines Schweizer Privatsammlers an die New Yorker Kunsthandlung Artemis Fine Arts. Die 1,209 Mio. Euro sind der höchste Betrag, der je auf einer Auktion für ein Menzel-Bild erzielt wurde. Aber auch seine anrührende Bleistiftzeichnung Schlafendes Kind aus gleicher Zeit kam mit 78 500 Euro auf fast doppelten Schätzpreis.

Auch sonst waren die Ergebnisse zumal beim Auftakt mit 87 "Ausgewählten Werken" mit einem Erlös von 6,1 Millionen Euro eindrucksvoll. Hier bewährte sich, was Mitgeschäftsführerin Michaela Kapitzky als Erfolgsgeheimnis ansieht: "Gute Qualität erzielt gute Preise". Das Niveau nämlich war in allen Bereichen so hoch, dass auch das internationale Telefonbieter-Interesse durchgehend anhielt, sich nicht auf ein paar Highlights konzentrierte, und die Taxe oft weit hinter sich ließ.

Alexej von Jawlenskys Schwarzer Buddha, aus den Heilandsgesichtern eines der meditativsten, geht zum doppelten Schätzpreis für 576.500 Euro in die USA. Erich Heckels Stilleben von 1912 steigt auf 289.000 Euro, Gabriele Münters Murnaer Vorfühlings-Voralpenlandschaft erzielt in ihrer klaren Farbigkeit mit 243.000 Euro weit mehr als die Taxe. Eine kleine Arbeit von ihr (Zinnien in blauer Vase), aus Österreich eingeliefert, bringt es mit 11.500 Euro auf mehr als doppelten Schätzpreis.

Wilhelm Morgner, wie Franz Marc und August Macke blutjung im Ersten Weltkrieg gefallen, erfährt - wie schon vergangenes Jahr mit Himmelfahrt (414.000 Euro) - mit seiner temperamentvoll farbigen Astralen Komposition von 1912 mit 162.000 Euro wieder bei Grisebach gebührende Aufwertung.

Vom oft kühlen Karl Hofer kommt aus Wien ein zart versonnenes, sinnliches Frauenbildnis in die Auktion und steigt lebhaft umworben von sechs auf 22.500 Euro. Austro-Akzente setzt Arnulf Rainer mit einem seiner mystisch-meditativen Holzkreuze. Das findet starkes Interesse, für 105.000 den Besitzer, während eine schlanke, abstrakte Bronze des in Wien wirkenden Joannis Avramidis für 50.000 Euro aus westdeutscher Privatsammlung eben dorthin erworben wird.

Starke Fotografie

Nicht nur zum guten Ergebnis (mit 430.000 Euro), auch zum guten Ruf trägt der Bereich Fotografie bei, den Grisebach mit sorgfältig gearbeiteten, aufwändig gedruckten Katalogen erst seit 1998 pflegt: mit inzwischen hohem Ansehen und entsprechendem Interesse insbesondere bei der nordamerikanischen Klientel. Die ist diesmal von der Dollar-schwäche betroffen. Dennoch sind Angebot und erzielte Preise auch dort eindrucksvoll. Heftig umkämpft das kraftgeladene Foto Triebwerk einer Lokomotive von Albert Renger-Patzsch von 1925 (24.780 Euro), William Kleins Car under El von 1928 (23.600 Euro), das ernste Otto-Dix-Porträt von 1929 von Hugo Erfurth (7670 Euro).

Auch hier zahlt sich das Grisebach-Engagement aus, wird gelohnt mit guten Zahlen und gutem Ruf. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2003)

Von Lorenz Tomerius aus Berlin
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