"Dreamliner" gegen "Superjumbo"

1. Jänner 2004, 20:21
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Kein interner Skandal, sondern der Verlust der Marktführerschaft ist bei Boeing der Grund für den Verlust von Finanzchef und Vorstandsboss

Nach 38 Jahren bei Boeing war für Vorstandschef Phil Condit am 1. Dezember Schluss. Nach heftigen Diskussionen mit Aufsichtsräten und Großaktionären trat er zurück. Vorausgegangen war eine Woche zuvor bereits der Rausschmiss von Condits Nummer zwei, Finanzchef Michael Sears, sowie einer im Konzern tätigen, früheren Air Force-Mitarbeiterin. Diese hatte über milliardenschwere Regierungsaufträge im Namen des Militärs an Boeing mitentschieden und war dann zu Boeing gewechselt. Darauf hin hatte der US- Kongress die Auftragsvergabe an Boeing vorerst gestoppt und eine Untersuchung eingeleitet.

Fehlende Ethik

Doch in der Branche zweifelt niemand daran, dass das "unethische Verhalten" normalerweise kaum dazu gereicht hätte, die wichtigsten Vorstandsmitglieder in einer Blitzaktion zu feuern.

Das Unbehagen der Aktionäre geht zu einem deutlich größeren Teil auf einen anderen Sachverhalt zurück: Erstmals seit den frühen 30er-Jahren verliert Boeing heuer die Marktführerschaft im Bereich der kommerziellen Flugzeuge und wird von einem Konkurrenten überholt, der noch vor kurzem belächelt wurde: Airbus.

Das europäische Konsortium wird zu Jahresende 300 Flugzeuge ausgeliefert haben, Boeing nur 280 (siehe Grafik).

"Ungeheuren Vorsprung verspielt"

"Damit hat Boeing einen ungeheuren Vorsprung verspielt, das hätte nicht passieren dürfen", jammert der Manager eines großen US-Pensionsfonds.

Richard Turgeon, Vertreter eines der größten Boeing-Aktionäre: "Die Performance von Boeing war in den letzten Jahren unterdurchschnittlich unter diesem Management. Die Sache mit dem Regierungsauftrag war nur der letzte Beweis."

Airbus wurde über viele Jahre von Boeing kaum ernst genommen. "Es wird noch 100 Jahre brauchen, bis Airbus ein Flugzeug wie unsere 777 bauen kann," sagte ein Boeing- Vorstand zum Standard anläßlich des "Roll-Outs" der 777 vor einigen Jahren. Viele Airlines sahen das vor allem in den letzten Jahren offenbar anders. Interessant vor allem die unterschiedlichen Strategien der beiden Konkurrenten für die Zukunft: Während Airbus mit seinem Superjumbo A-380 (es liegen bereits über 120 Bestellungen vor) das Motto "Größer, Weiter, Stärker" fortschrieb, entdeckt Boeing die "Ökojets".

Dem Riesenvogel mit einer Kapazität von 500 bis 900 Sitzen setzen die Amerikaner ei 4. Spalte nen kleineren, umweltfreundlicheren Jet entgegen. Eine Spritersparnis von bis zu 30 Prozent soll Kunden zurückbringen, hofft man in Chicago und Seattle.

"Dreamliner"

Der "Dreamliner" Boeing 7E7 soll technologisch dort beginnen, wo der Airbus A380 aufhört. 50 Prozent des Flugzeuges sollen aus Verbundwerkstoffen – ein revolutionärer Schritt im zivilen Flugzeugbau –, 20 Prozent aus Aluminium, 15 Prozent aus Titan und 15 Prozent aus anderen Materialien einschließlich Stahl bestehen. Der 55,5 Meter lange Twinjet soll mit 200 bis 250 Passagieren 12.200 bis 14.800 Kilometer weit fliegen können; eine Kurzstreckenversion ist für 300 Passagiere geplant. Mit diesem Flugzeug, dessen Entwicklungskosten auf gut acht Milliarden Dollar (6,80 Mrd. Euro) veranschlagt werden (für die A380 über elf Milliarden Dollar) will Boeing die große Lücke schließen, die sich Ende dieser Dekade auftun wird. Die Fluggesellschaften werden dann Nachfolger für die Boeing 757 und 767 sowie für die europäischen Konkurrenzprodukte A310 und A300-600 benötigen.

Für diesen gewaltigen Markt will Boeing gerüstet sein. Hier stehen die Zeichen gut für Boeing, denn Airbus dürfte es sehr schwer fallen, bald zu kontern. Denn das A380-Programm sowie die A340-500 und A340-600 lassen derzeit nicht mehr viel finanziellen Spielraum für neue Projekte.(Michael Moravec, Der Standard, Printausgabe, 11.12.2003)

  • Der "Dreamliner" Boeing
7E7 soll technologisch dort beginnen, wo der Airbus A380
aufhört
    foto: boeing

    Der "Dreamliner" Boeing 7E7 soll technologisch dort beginnen, wo der Airbus A380 aufhört

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