Nach Mineralwasser auch vergiftete Milch

14. Dezember 2003, 19:28
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Italiener in Unruhe wegen manipulierter Plastikflaschen in Supermärkten und Raststätten - Noch keine Spuren zu Tätern

Rom/Wien - Die Affäre um vergiftete Mineralwasserflaschen, die seit mehreren Tagen in ganz Italien auftauchen, weitet sich aus: In Italien wächst die Furcht vor vergifteten Getränken.

Kaum sichtbare Löcher

Zwei Personen, ein zweijähriges Kind aus der Stadt Vicenza und eine Frau aus Florenz, wurden ins Spital eingeliefert, nachdem sie Milch getrunken hatten. Laut italienischen Medien vom Freitag war an den Plastikflaschen manipuliert worden. Durch kaum sichtbare Löcher direkt unter der Öffnung spritzten die Täter wahrscheinlich Putzmittel in die Behälter.

"Die Milch schmeckte nach Bleichmittel", berichtete die Frau, die über Bauchkrämpfe klagte. Die Ärzte stellten Magenverletzungen fest, doch weder der Gesundheitszustand der Frau noch des Kindes seien Besorgnis erregend.

Reinigungsmittel

In den vergangenen Wochen wurden Dutzenden Mineralwasserflaschen mittels Injektion Reinigungsmittel zugefügt, mehrere Menschen mussten in Spitälern behandelt werden. In der Bevölkerung steigt nun die Angst, dass nach Milch- auch Fruchtsaftpackungen Ziele der Anschläge werden.

Begonnen hat die Serie am 19. November. Damals wurde erstmals eine Plastikflasche mit Mineralwasser entdeckt, in die ein Unbekannter ein Reinigungs- oder Bleichmittel mit einer Spritze injiziert hatte. Mittlerweile kommen fast täglich neue Verdachtsfälle aus dem ganzen Land dazu. Über 50 verdächtige Flaschen sollen nach Medienberichten bereits aus dem Verkehr gezogen worden sein.

Eigenes Ermittlerteam

In Venedig wurde von den Justizbehörden nun ein eigenes Ermittlerteam beauftragt, um den oder die Täter auszuforschen. Spekulationen über die Hintergründe gibt es viele: Ein psychisch kranker Einzeltäter kommt derzeit ebenso infrage wie Erpresser.

Aber auch Umweltaktivisten stehen unter Verdacht. Eine Gruppe hat im August nach dem EU-Außenministergipfel ein Manifest veröffentlicht, in dem gegen den Verkauf der Wasserquellen protestiert wurde. "Wir müssen unsere Lebensquellen verteidigen", forderten die Aktivisten.

Supermärkte und Autobahnraststätten

In Supermärkten und Autobahnraststätten werden unterdessen verstärkt Videokameras zur Überwachung eingesetzt. Den Konsumenten rät die Exekutive, beim Kauf von Plastikflaschen mittels Quetschprobe zu überprüfen, ob eine undichte Stelle vorhanden ist. Die Menge der injizierten Substanzen sei zwar bisher nicht lebensgefährlich, verursache aber Bauchweh und Übelkeit.

Bei den Herstellern der rund 580 Marken von Mineralwassern ist man in der Causa eher zugeknöpft. "Wir verkaufen hauptsächlich Wasser in Glasflaschen, sind daher nicht betroffen", meint etwa die Pressesprecherin der Firma "Kaiserwasser" im Südtiroler Innichen. Beim großen Hersteller San Pellegrino ist dagegen nur der Direktor der Mineralwassersparte auskunftsberechtigt, der befand sich jedoch am Donnerstag außer Haus.

Nachahmungstäter

In Österreich ist bisher kein vergiftetes Mineralwasser aufgetaucht, bestätigt Hubert Erhart von der Agentur für Ernährungssicherheit. "Was mir aber nicht gefällt, ist die ausführliche Medienberichterstattung samt genauen Anleitungen. Nachahmungstäter oder Erpresser könnten dadurch auch bei uns auf die Idee kommen", meint er.

Hegt man einen Verdacht sollte man aber nicht zögern, mit der Probe zum zuständigen Marktamt zu gehen. "Wichtig ist dabei zu sagen, wo und wann man es gekauft hat, damit die Behörden Vergleichsproben ziehen können", rät Erhart. (APA, moe, DER STANDARD Printausgabe 12.12.2003)

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    Italienische Polizei rät zur genauen Überprüfungen von Mineralwasserflaschen vor dem Konsum

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    Die Attentäter scheinen das Geschäft der Mineralwasserproduzenten noch nicht zu beeinträchtigen. Der Konsum sei in den vergangenen Tagen stabil geblieben

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