"Urblöd, dass sie Turnstunden kürzen"

21. Dezember 2003, 14:28
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Lehrer machen mobil: Bildungsmarsch endete vor Unterrichtsministerium - Demonstration gegen Streichung von Dienstposten

Wien – Sarah und Lukas schwenken die Papplehrer und hüpfen sich aufgeregt näher an die Fernsehkamera heran. Warum sie da vor dem Unterrichtsministerium sind? Das weiß Sarah so ungefähr: "Wegen Lehrer-irgendwas. Ah ja, weil Lehrer in Pension gehen und keine neuen kommen." Lukas ist zwar auch erst neun Jahre alt, kann aber ganz genau sagen, warum er demonstriert: "Ich finde es urblöd, dass sie uns Turnstunden wegkürzen."

Sarah und Lukas gehen in die Volksschule "Lernwerkstatt Brigittenau". Ihre Eltern und Lehrer wollten nicht einfach hinnehmen, dass durch die Frühpensionierungswelle von fast 4000 Lehrern gespart wird: an ihrer Schule etwa zwei Posten, dazu bei der Betreuung von Kindern im Rollstuhl und so weiter.

"Ich finde es nicht richtig, bei der Bildung zu kürzen. Natürlich kann man auch Lehrern, die mitten im Schuljahr in Pension gehen, Vorwürfe machen – aber Hauptschuldige ist die Regierung, die solche Entscheidungen ermöglicht", ärgert sich Paul Mahrer, Vater eines Schulkindes, über das Sparprogramm.

Wie er sind etliche Eltern, Lehrer und Kinder am Mittwochvormittag auf "Lehrausgängen" auf den Minoritenplatz gekommen. Viele sind es nicht – hat doch der Wiener Stadtschulrat die "Lehrausgänge" zum Ministerium untersagt, weil die "politische Instrumentalisierung von Schülern" verboten ist. Nur rund hundert sind trotzdem da, die Privatschule "SchülerInnenschule" im WuK macht etwa einen "Lehrausgang Demokratie". Weil Schülerinnen wie Chiara (15) das Sparen "bescheuert" finden.

Versuch: Mietlehrer

Manche Eltern würden sogar selbst in die Tasche greifen: Der Elternverein des Schulversuchs Mittelschule Dirmhirngasse ist Mittwoch zum Stadtschulrat marschiert. An der Schule fallen wegen der Pensionierungswelle Skikurse aus, die EDV-Klasse hat keine Lehrer, Schularbeiten sind verschoben – die Eltern bieten an, das Gehalt der an andere Schulen versetzten Lehrer selbst zu zahlen, um sie zurückzubekommen.

Die Pflichtschullehrer-Gewerkschaft setzt auf eine politische Lösung: Mit dem "Bildungsmarsch" am Mittwochnachmittag protestiert sie dagegen, dass in Wien 700 Lehrerposten eingespart werden. Dabei werde es nicht bleiben, warnt Walter Riegler, Vorsitzender der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft: "Wenn der Finanzausgleich wie vorgeschrieben umgesetzt wird, müssen kommendes Schuljahr österreichweit noch einmal 700 bis 800 Lehrer gehen."

Lehrer Günter Mik geht trotzdem nicht zum Bildungsmarsch. Er hat vom Protestieren vorerst genug – aus Enttäuschung, weil Mittwochvormittag so wenige vor das Unterrichtsministerium gekommen sind: "Wenn sich so wenige aufregen, hat es die Regierung leicht, bei Bildung zu kürzen. Die Lehrer trauen sich zu wenig – diese Kleindemo ist ein Sittenbild der Lehrerschaft."

"Amtsmissbrauch"

Ein anderes Sittenbild wittert der grüne Bildungssprecher Günter Brosz: Er bringt eine Sachverhaltsdarstellung wegen "Verdachts auf Amtsmissbrauch" ein. Der Grund: Unter 55-Jährige dürfen nur in Frühpension, wenn ihre Posten nicht mehr gebraucht werden. In Niederösterreich wurden Volksschuldirektoren unter 55 frühpensioniert – und ihre Posten zur Nachbesetzung ausgeschrieben. Was Brosz "rechtswidrig" nennt, ist für Landesschulratspräsident Adolf Stricker normal: "Wir sparen in Summe Lehrerposten ein. Ein Direktor ist ein Lehrer mit Sonderaufgaben, kein extra Posten." (DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2003)

Ein Bildungsmarsch der Lehrergewerkschaft, Lehrausgänge mancher Schulen, die vor dem Unterrichtsministerium endeten: Eltern, Lehrer und Schüler protestierten in Wien gegen Nichtnachbesetzung von Lehrerposten nach der Frühpensionswelle.

von Eva Linsinger
  • Bereits am Vormittag demonstrierten Lehrer und Schüler auf dem Minoritenplatz
    foto: standard/cremer

    Bereits am Vormittag demonstrierten Lehrer und Schüler auf dem Minoritenplatz

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