Aufgeheizte Atmosphäre im Ruhrpott

19. Dezember 2003, 11:41
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Besiktas Istanbul nach missglücktem Arena-Ausflug sauer auf UEFA - "Kein echtes Heimspiel" - Chelsea-Spieler Terry: "Feindseligste Fans"

Gelsenkirchen - Fast 80 Minuten lang hatten 53.000 türkische Fußball-Fans die ausverkaufte Arena AufSchalke in einen Hexenkessel verwandelt, nach dem Spiel brodelte es nur noch in Trainer Mircea Lucescu. "Die Fans waren fantastisch, aber es war eben doch kein echtes Heimspiel. Wir sind unter alles anderem als fairen Bedingungen ausgeschieden", schimpfte der Rumäne, nachdem Besiktas Istanbul durch ein 0:2 (0:0) im "Heimspiel" in Gelsenkirchen gegen den englischen Spitzenreiter Chelsea London den erhofften Einzug ins Achtelfinale der Champions League verpasst hatte.

Vergleiche mit Moskau

"Das war eine ungerechte Entscheidung von der Uefa. In Moskau ist eine Bombe gefallen, und dort wird auch weiter gespielt", ergänzte Lucescu mit Hinblick auf die Verlegung der Partie nach den Terroranschlägen in der türkischen Metropole: "Nun müssen wir uns nach toller Vorrunde damit trösten, dass wir vor Lazio Rom zumindest in den Uefa-Cup gekommen sind." Die türkischen Medien kritisierten dagegen eher die schwache Leistung des Teams. "Besiktas konnte den Vorteil durch die Fans nicht nutzen. Einfache Fehler haben das Schicksal besiegelt", schrieb Milliyet.

Zuviel Toilettenpapier

Denn die aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Türken hatten alles versucht, Besiktas echtes Heimspiel-Feeling zu garantieren. Die komplette Arena war mit türkischen und schwarz-weißen Vereinsfahnen geschmückt, vor dem Spiel ertönte das Vereinslied des Meisters vom Bosporus. Die Engländer wurden bei jedem Ballkontakt gnadenlos ausgepfiffen, der Stadionsprecher heizte dies sogar noch an. In der Halbzeitpause warfen die Anhänger so viele Papierrollen auf das Spielfeld, dass der schwedische Schiedsrichter Anders Frisk beide Mannschaften für zehn Minuten wieder in die Kabinen schickte.

Lucescu beschwichtigt

"Das war doch gar nichts", meinte Lucescu beschwichtigend: "Besser sie werfen Papier als etwas anderes. Durch Papier wird niemand verletzt. Aber englische Spieler haben Ilhan Mansiz zweimal ins Gesicht geschlagen, sodass wir zehn Minuten ohne einen unseren besten Spieler auskommen mussten. So etwas ist viel schlimmer. Das Papier hat der Schiedsrichter gesehen, aber diese Sachen nicht."

Chelsea-Spieler beschweren sich

Doch obwohl keine Verhaftungen vermeldet wurden und im Gegensatz zum Auftritt von Galatasaray in der Vorwoche in Dortmund gegen Juventus Turin (2:0) nur geringer Sachschaden entstand, flog wesentlich mehr von den Rängen als nur Papier. "Da sind ganze Münzrollen auf uns geflogen", berichtete Chelseas Mittelfeldspieler Frank Lampard: "Es war reines Glück, dass niemand verletzt wurde. Ich denke, dass die Uefa etwas dagegen unternehmen muss."

Regenschirme für die Bank

Nach dem Führungstreffer von Jimmy Floyd Hasselbaink (77.) mussten Trainer, Betreuer und Ersatzspieler auf der englischen Bank den Rest des Spiels mit aufgeschlagenen Regenschirmen verfolgen. "Das waren so ziemlich die feindseligsten Fans, die ich je gesehen habe", meinte Verteidiger John Terry.

"Auch Manchester oder Madrid haben viel Geld"

Coach Claudio Ranieri konnte sich nach dem Sieg, den der eingewechselte Wayne Bridge sicherstellte (85.), dagegen diebisch über den Gruppensieg freuen. "Am Ende hat man nur noch unsere Fans gehört. Obwohl sie nur 400 waren und die Türken 50.000", meinte der Italiener, der sich aber noch nicht mit einer Rückkehr in die Arena zum Champions-League-Finale am 26. Mai beschäftigen wollte: "Die Mannschaft hat sich unter besonderen Umständen hier bewiesen, aber ab jetzt gibt es nur noch starke Teams." Auf die Millionen-Investionen des russischen Öl-Milliardärs Roman Abramowitsch angesprochen, meinte Ranieri lapidar: "Auch Manchester oder Madrid haben viel Geld." (sid)

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    Über 50.000 Besiktas-Fans in Gelsenkirchen.

  • Sieht nicht so gefährlich aus: Klopapier in Massen.

    Sieht nicht so gefährlich aus: Klopapier in Massen.

  • Die Chelsea-Spieler schützten sich gegen härtere Wurfgeschosse mit Schirmen.

    Die Chelsea-Spieler schützten sich gegen härtere Wurfgeschosse mit Schirmen.

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