Europaskepsis in Österreich wächst

16. Dezember 2003, 14:46
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Aktuelle Umfrage zeigt: Union muss ihre Bürger erst überzeugen- mit Grafiken

"Selbstverständlich fühle ich mich als Bürger der EU", sagt der achtzigjährige Otto Kreissl zum STANDARD. Er geht mit seiner Begeisterung sogar noch weiter: "Wir wollen ja schließlich einmal die USA werden." Auch die Jusstudentin Tamara Ehs (23) sieht sich als leidenschaftliche Europäerin. Durch ihre Spezialisierung auf Europarecht und ein bevorstehendes Praktikum bei der Europäischen Kommission lebt sie das auch aktiv aus.

Nach dem derzeitigen Zwischenstand einer von der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) durchgeführten Studie finden die beiden Europäer aus Wien immer weniger Menschen, die ihre Begeisterung teilen. Rund 500 Personen (Stichprobengröße: 1000 Personen) haben bisher österreichweit angegeben, ob sie den EU-Beitritt aus heutiger Sicht als richtig oder falsch empfinden. Die vorläufige Auswertung: Während im Jänner 2003 nur 27 Prozent sagten, der Beitritt sei falsch gewesen, haben die EU-Gegner derzeit einen neuen Höchstwert erreicht. 40 Prozent erachten nach aktuellem Stand den Beitritt Österreichs zur EU als falsch.

Für Gerhard Bauer, Generalsekretär des ÖGfE, ist das die Rechnung, die "Politiker und Frächter für das Transitdebakel bekommen". Er erwartet, dass sich dieses Bild im weiteren Verlauf der Studie noch verfestigen wird. "Ich werde beweisen, die Bevölkerung weiß über den Transit eigentlich nichts, aber sie kriegen Angst." Die Konsequenzen seien dennoch wenig dramatisch: Auf die Frage "Soll Österreich in der EU bleiben, oder wieder austreten?" antworten immerhin noch 68 Prozent mit "Soll EU-Mitglied bleiben". Lediglich ein Viertel sagt "Treten wir aus", so Bauer. Auch diese Daten sind selbstverständlich vorläufig.

Eine bereits im Oktober 2003 präsentierte Studie liefert bereits Stichfestes in Sachen Partizipation. Für 47 Prozent der Befragten wäre es ein "großer Verlust", wenn Österreich künftig keinen ständigen, stimmberechtigten Kommissar in der Kommission hätte. Für 13 Prozent wäre dieser Verzicht "gar kein Verlust".

Herr Erwin Gebhart, Taxifahrer in Wien, denkt über einen eigenen stimmberechtigten Kommissar gar nicht nach. Er setzt seine Kritik an der Europäischen Union fundamentaler an: "Den Intrigantenstadl brauch I ned." So wie er fühlen sich immer mehr Österreicher nicht als Bürger der Europäischen Union, auch wenn man sich in Brüssel immer wieder als "Union der Bürger" positionieren will. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2003)

Von
Karin Moser
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    56 Prozent der Österreicher sprachen sich bei einer Umfrage für eine EU-weite Volksabstimmung über die Verfassung der EU aus.

  • Grafik: Die Österreicher und die EU

    Grafik: Die Österreicher und die EU

  • Bedeutung des EU-Kommissars
    grafik: der standard/quelle: ögfe, sws, österr. bevölkerung

    Bedeutung des EU-Kommissars

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