Theaterhunger der Armen wird gestillt

12. Dezember 2003, 12:55
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Das Wiener Schauspielhaus führt zur Produktion "Poppea" auch den "Kulturpass" ein

Das Wiener Schauspielhaus führt zur Produktion "Poppea" auch den "Kulturpass" ein: Sozialhilfeempfänger, Mindestpensionisten, Arbeitslose und Flüchtlinge können damit Karten "kaufen" - die ihnen andere vorher bezahlt haben. 500 Tickets liegen schon bereit.

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Wien - Frau E. ist 40 Jahre alt, leidet an Depressionen und hat derzeit keine Chance, einen Job zu bekommen. Frau E. bezieht 630,33 Euro Notstandshilfe, Sozialhilfe, Wohn- und Mietbeihilfe. Für Miete, Strom, Gas und Kontoüberziehung zahlt sie monatlich 310 Euro. Bleiben Frau E. also noch rund 9 Euro pro Tag zum Leben. An Bücher, Kino, Theater oder Ähnliches ist da nicht einmal zu denken.

Genau das sehen die Schauspielhaus-Leiter Airan Berg und Barrie Kosky allerdings grundsätzlich anders. Auch die Armen unserer Gesellschaft haben "Hunger auf Kunst und Kultur", erklärten sie am Dienstag - und präsentierten den "Kulturpass" für Menschen, die Sozialhilfe oder Mindestpension beziehen, für Arbeitslose oder Flüchtlinge.

Aktion läuft bis 2007

Das System funktioniert einfach: Auf der einen Seite können Private und Sponsoren Spenden für Kartenkontingente einzahlen. Ab neun Euro wird ein Theaterbesuch ermöglicht; 500 Tickets wurden bereits gespendet. Auf der anderen Seite verteilt die Armutskonferenz über karitative Organisationen, Betreuungsstellen und beim Arbeitsmarktservice "Kulturpässe" an die Betroffenen.

Kulturpass-Besitzer können dann beim Schauspielhaus wie alle anderen Karten kaufen. "Bezahlt" wird dann nicht mit Kreditkarte - sondern mit dem Kulturpass. Die Aktion startet mit der Produktion "Poppea" ab 17. Dezember und läuft bis 2007. Die Kulturpässe sind zwei Jahre gültig.

Recht auf Kulturgenuss

Die Zielgruppe, an die sich diese Aktion wendet, wird ständig größer: "Allein in Wien sind 74.000 Menschen von akuter Armut betroffen", berichtet Martin Schenk von der Armutskonferenz. "Sieben Prozent der Bevölkerung können es sich nicht leisten, abgetragene Kleidung durch neue zu ersetzen. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Wien hat sich verdoppelt. In ganz Österreich fallen 50.000 Menschen unter die Kategorie ,working poor' - sie sind erwerbstätig und trotzdem arm."

"Wir wollen andere Kulturinstitutionen wie etwa das Museumsquartier einladen, sich an unserer Aktion zu beteiligen", kündigt Airan Berg an. Denn seiner Meinung nach hat jeder in unserer Gesellschaft das Recht auf Kulturgenuss: "Subventioniert werden ja nicht die Künstler, sondern das Publikum. Man sagt ja auch nicht, dass die Ärzte subventioniert werden - sondern das Gesundheitssystem. Die Gesellschaft zahlt etwas und bekommt das in anderer Form wieder zurück." (frei/DER STANDARD; Printausgabe, 10.12.2003)

Spenden können an der Abendkassa eingezahlt werden oder auf das Konto 02 410 773 743, BLZ 14.000, Kennwort "Hunger auf Kunst und Kultur"

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