... und wer bekommt den Hund?

23. Jänner 2000, 19:43

Der Koalitions-Crash als Realsatire eines Ehemelodrams


Marlene Streeruwitz

Eigentlich ist es wie bei einer richtigen Scheidung im wirklichen Leben. Das Ende zieht sich endlos retardierend hin. Langwierige Entstrickungen werden notwendig, weil in den langen Jahren der Gemeinsamkeiten so viel sich ineinander verheddert hat. Politik nimmt sich nicht Zeit für ihre Beziehungen, obwohl sie - wie Figura zeigt - darauf aufbaut. Entgegen den Behauptungen von Sachlichkeit und staatsmännischer Objektivität.

Wie bei einer richtigen Scheidung im wirklichen Leben war es bis zum Ende nie ganz klar, ob sie nun stattfinden wird. Ob die Trennungswilligen sich die Trennung wirklich leisten könnten, fragte man sich. Ob die Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit nicht doch noch ein kleines kittendes Gefühl hervorzaubern würde. Oder ob man wegen der Kinder zusammenbleiben wollte.

Verhöhnung . . .

Und wie bei einer wirklichen Scheidung wurde der Vorgang vor den Kindern, in diesem Fall dem Wahlvolk, geheim gehalten. Sie sollten nichts merken, die lieben Kleinen. Sollten kein Trauma davontragen. Und sie sollten vor allem ihre Eltern nicht dabei beobachten können, wie sie einander die Wahrheiten sagen. Sollten vor den niedrigen Gefühlen und deren niedrigen Ausbrüchen bewahrt werden. Denn wie im wirklichen Leben war alles Emotion - 100 Tage der Abrechnung.

Und was am Ende als Scheidungsgrund angegeben wird, ist auch im wirklichen Leben nur irgendwas. Die Frage, wer den Hund bekommt, ist nicht irrationaler als die Frage, wer ein Finanzministerium haben darf, wenn man sich ohnehin trennen will. Wie im wirklichen Leben haben die Kinder aber ohnehin alles mitbekommen. Die Tanten und Onkeln konnten ihre Gefühle ja doch nicht verbergen. Wenn Frau Gehrer ihre Interviews mit diesem schnippischen "na ja!" einleitete. Oder Herr Häupl die Schultern so nach vorne zog und den Kopf zum Angriff senkte. Klar wurde es den Kindern dann endgültig, als Herr Schüssel im Fernsehen den überparteilichen Finanzminister vorschlug. Keiner soll den Hund bekommen. Der Hund kommt ins Tierheim. Oder zur Omi. Weil sie einen Garten hat.

Ich habe ja nie geglaubt, dass die Welt der Macht und der Mächtigen vernunftgeleitet funktioniert. Aber diese, alle Kabarettisten des Landes arbeitslos machende Auflösungsgeschichte hat auch die letzte Hoffnung auf die Existenz staatspolitischer Mindesstandards zunichte gemacht.

In diesen 100 Tagen des geheimen Gezankes und Gefeilsches hat sich zwar das Gefühl eingestellt, an einem Augenblick von Geschichte teilzunehmen, mit dem etwas zu Ende geht. Nach dem es nie wieder so sein wird, wie es war. Entgegen dem literarischen Vorbild war dieser Augenblick jedoch keine Sternstunde. Das war Zimmerschlacht im Beziehungskistenformat. Verquält. Hämisch. Entladung aufgestauter Aggression.

Wenn öffentliche Funktionen aber nur noch Schauplatz privater Gefühle werden, dann bewegen wir uns bereits jenseits der Grenzen des Demokratischen. Hackordnungsschauturnen und Minderwertigkeitskomplexbewältigungskürlauf sind so wie alle einseitigen emotionalen Aufladungen gute Diktatoren. Nur weil sie kindischer aussehen, wird die Sache nicht unbedenklicher.

. . . der Demokratie

Wie konnte es zu diesem Ausschluss von Pragmatik und Vernunft als zivilisierte Mittel der Konfliktbewältigung kommen? Es ging doch nur um die Regierung eines netten, kleinen Landes, das keine sehr großen Probleme hat. Proportionenverlust und Perspektivenverweigerung schaden der Demokratie. Politiker aber, die der Öffentlichkeit auch noch das Informationsrecht verwehren, verhöhnen sie. 100 Tage Geheimverhandlungen? Von gewählten Parteien, deren Programme bekannt sind? Das ist Politkitsch nach dem Strickmuster "Der Graf von Monte Christo".

Hätte man öffentlich verhandelt, hätten wir zumindest Zeit gespart. Zu offenkundig wären dann die Gegensätze geworden, auf die wir wie die armen Kleinen bei der richtigen Scheidung nur durchs Schlüsselloch schauen durften. Und wie im wirklichen Leben wartet vor dem Haus schon der Onkel, der der Papa werden will. Die Frage ist nur: Wen von den beiden nimmt er? Und: Kommt der Hund zu ihm? Einen Garten hat er ja. Oder?

Marlene Streeruwitz ist Schriftstellerin in Wien.
Foto: Regine Hendrich

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