Unterhaltung ist, wenn Lachen nicht wehtut

15. Jänner 2004, 09:17
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Advent für Erwachsene: Warten aufs Christkind mit Raimund. Jetzt auch im Volkstheater

Wien - "Theater ist ein Unternehmen, das Unterhaltung verkauft." Bertolt Brechts Definition aus dem Jahr 1926 gilt noch immer (wenngleich staatliche und städtische Bühnen heute ungleich höher subventioniert sind als damals, der Verkaufsgedanke folglich weniger im Vordergrund stehen sollte). Geändert hat sich der Begriff der "Unterhaltung", der Brechts Definition zugrunde liegt.

War der Augsburger Dramatiker noch der Meinung, Denken und Erkenntnis könnten höchst vergnügliche und also unterhaltsame Angelegenheiten sein – eine Auffassung, die vor ihm schon Theaterprofis wie etwa Shakespeare, Nestroy und Lessing mit Erfolg vertreten hatten – so ist diese rührend altmodische Sicht der Dinge heute glücklich überstanden. Einer nachbrechtischen Generation von Unterhaltungsunternehmen sei dank, die unter dem Druck der Konkurrenz lernten und lehrten: Verkauft wird, was vom Denken befreit. Denn dieses, so der Umkehrschluss, strengt an – und macht zudem höchst unfroh.

Ein Nachdenken über die Theaterpremieren der laufenden Saison bestätigt erstens dieses Diktum (es macht in der Tat höchst unfroh) und enthüllt zweitens die Gelehrsamkeit der Wiener Bühnen: Kaum ein Abend, der das Verdikt des Denkens anzutasten wagt.

Stattdessen wird bundesweit (drei Premieren allein in der vergangenen Woche) mit Ferdinand Raimund ins Feen- und Zauberreich entschwebt. Wobei: nichts gegen Raimund! Nicht dass, sondern wie er gespielt wird, ist schließlich das Werk der Gegenwart. Raimund, der ewig Zerrissene, der Mann, der Tragöde sein wollte, aber ein begnadeter Komiker war, der Lebenshungrige, der sich aus Angst vor dem Tod (ein Hund hatte ihn gebissen, was ihn befürchten ließ, er sei an der Tollwut erkrankt) totschoss: Raimund in seiner Zerrissenheit, er konnte gar nicht so staubzuckerfein dichten, so rosenblattlieblich, so lindenblattgrün, wie er heute in Wien zum Adventsmärchen für erwachsene Kinder verniedlicht wird. Nach Hans Gratzers Alpenkönig und Menschenfeind nun also Stephan Bruckmeiers Bauer als Millionär im Volkstheater.

Weiße Pappmascheeberge, blauer Himmel, gelber Neid und roter Hass: Alles ist bunt, alles ist putzig in Klaus Baumeisters biedermeierlicher Märchenbühnenwelt. Weil aber Bruckmeier die Gegenwart auf die Szene zu holen versprach, trägt der arme Fischer Karl (Christoph von Friedl), für den Lottchens (angenehm ungekünstelt: Vivien Löschner) Herz schlägt, Rastalocken inmitten der Puffärmelchenpracht.

Dass hinter solchem Zusammenprall aber mitnichten ein Regiegedanke steckt, der heimlich aus dem Bühnenexil zurückgekehrt wäre, beruhigt Erwin Steinhauer als Fortunatus Wurzel. Steinhauer schmettert Raimunds Sätze (seniorenfreundlich) fortissimo als Lachvorlagen. Mit dem Ensemble hinter seinem Rücken spielt der Solist eher ungern. Auch Textzusammenhang gilt dem Pointenkönig wenig, vom ökonomischen Moralisieren Raimunds zu schweigen. Ein echter Unterhalter! Fritz Muliar souverän als hohes Alter, Günter Franzmeier ein hermaphroditischer Neid: Vermutlich eine gelungene Premiere. Theater fürs zahlungsbegabte Volk. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2003)

Von
Cornelia Niedermeier
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