"O Tannenbaum" bringt "O Wutanfall"

31. Dezember 2003, 17:40
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Experten heimischer Volkskultur sehen düstere Zukunft für das traditionelle Weihnachtsfest

Linz - Alle Jahre früher: Der Startschuss kommt immer eher. Und mit ihm beginnt ein Rennen, das in den Wochen vor dem Zieleinlauf (einst: "Heiliger Abend") atemlos macht. Plastikbäume, Weihnachtsdekorationen, "Jingle Bells" im Reggae-Stil. Und leuchtende Augen der Kinder, die Weihnachten werbeslogankonform nur "geil" finden.

Szenarien, die Experten heimischer Volkskultur ziemlich düster in die Weihnachtszukunft blicken lassen: "Das traditionelle Weihnachtsfest steht unmittelbar vor dem Ablaufdatum und hat dieses zum Teil überschritten", meint Alexander Jalkotzy vom Amt für Volkskultur des Landes Oberösterreich. Einerseits sollten Vorbereitungen für ein religiöses und familiäres Familienfest laufen - andererseits "zählt die angeblich stillste Zeit des Jahres zur umsatzstärksten vieler Wirtschaftszweige".

Werbung und Marketing würden sich des Weihnachtsfestes in einem noch nie da gewesenen Ausmaß bedienen, auf der Strecke blieben Traditionen. "Ein immer kleiner werdender Kreis von Anhängern besinnlicher Weihnachten sieht sich mit einer immer größer werdenden Schar von punschgetränkten Santa-Claus-Freunden, diversen Christmas-Mailing-Aktionen, X-Mas-Candlelight-Partys und Holy-Night-Events konfrontiert."

Weihnachten, so Jalkotzy, sei ein Opfer - der Advent gänzlich überholt: "Gegen neue Strömungen gibt es ja prinzipiell nichts einzuwenden, wichtig ist aber, die Mischung von Tradition, dem Respektieren der Inhalte und einer Neuerung zu finden - doch mit dieser Dosierung ist die Gesellschaft oft ziemlich überfordert."

Liederterror

Medizinisch betrachtet, verspricht eine Überdosierung böse Folgen - und die prophezeien Experten auch angesichts des Trubels: "Die Vorweihnachtszeit ist von Stress, Aggression und etlichen anderen großen psychischen Belastungen geprägt - viele Menschen können diesem Druck nicht standhalten", erzählt der Linzer Psychotherapeut Wolfgang Schnellinger.

Oft würden Menschen zu Weihnachten unter solchem Druck stehen, dass es für einen Ausbruch gar keiner realen Auslöser mehr bedürfe: "O Tannenbaum reicht für Schweißausbrüche und Wutanfälle", so Schnellinger.

Die "Jingle Bells"-Problematik kennt man auch beim Linzer Institut für Arbeitsmedizin: "Leidtragende sind in der Vorweihnachtszeit besonders die Angestellten der Kaufhäuser, die tagtäglich bis zu acht Stunden fragwürdiger Stimmungsmusik ausgesetzt sind", so die Ärztin Monika Zajc-Zöchbauer. Angestellte sollten daher in der Weihnachtszeit für "liedgutfreie" Freizeitaktivitäten sorgen, so die Arbeitsmedizinerin - was den Weihnachtseinkauf aber schwierig machen dürfte. (Markus Rohrhofer; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.12.2003)

Das traditionelle Weihnachtsfest sei ein Fest mit Ablaufdatum, der Advent als Zeit der Besinnung völlig überholt, meinen Experten für Volkskultur. Weihnachtsstress, Dauerbeschallung und Kaufrausch sind überdies immer öfter Auslöser von Aggressionen und Wutanfällen.
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