Kraftfutter für den Minimarkt

14. Jänner 2004, 14:14
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Durch die private Pensionsvorsorge kommen die Österreicher vermehrt in Kontakt mit ihrer Heimatbörse

Es ist nicht mehr schick, über die kleinen Wiener zu lächeln - und es wäre auch falsch: Da die Wiener nicht nur heuer über 30 Prozent gewonnen haben, sondern schon vier Jahre lang eine bessere Entwicklung als alle europäischen Konkurrenten herzeigen können, sind die negativen Stimmen verstummt. Dass die kleinen Wiener an ihrer "Insiderbörse" quasi "zu viert Karten spielen" - das gilt angesichts des heuer um 50 Prozent auf täglich rund 75 Milliarden Euro gestiegenen Handelsvolumens und der zahlreichen Börsenfirmen in internationalen Portfolios nicht mehr.

Auch in den börsennotierten Unternehmen selbst sagt keiner mehr hinter vorgehaltener Hand, er wolle doch lieber ins Börsenparadies nach Frankfurt, statt in Wien zu verschimmeln.

Von einem Fünfjahreshoch zum nächsten

Der Leitindex ATX eilt dieser Tage von einem Fünfjahreshoch zum nächsten - und für die Zukunft ist der Wiener Börse schon gar nicht bange: Noch nie wurde das Potenzial des Finanzplatzes so klar und einstimmig positiv beurteilt - ungeachtet von Kursschwankungen an den Weltbörsen. Zugrunde liegen zwei unaufhaltsame Entwicklungen:

  • Die steigende Bedeutung der privaten Pensionsvorsorge im so genannten kapitalgedeckten Verfahren, also via Geldanlage an der Börse. Zwar halten statistisch gesehen derzeit nur sieben Prozent der Österreicher Aktien, die geförderte private Pensionsvorsorge bringt aber jetzt so viele Österreicher in Kontakt mit der Börse wie noch nie zuvor.
  • Die Notwendigkeit für Unternehmen, von ihrer in Österreich besonders starken Abhängigkeit von Bankkrediten loszukommen und neue Finanzierungsquellen zu finden.
So wird quasi die Not der einen Seite die Tugend der anderen: "Damit haben wir auf der Nachfrageseite keine Probleme mehr", beschreibt Börsenvorstand Erich Obersteiner den automatisch für die Börse arbeitenden Mechanismus.

Die Bilanz nach einem Jahr staatlich geförderter Pensionsvorsorge zeigt, was er meint: Rund 250.000 Österreicher werden heuer schon Verträge zur Privatvorsorge unterschrieben haben, bei der eine Staatsprämie von 9,5 (ab Jänner 9,0) Prozent auf maximal 1851 Euro Einzahlung lockt und noch eine Kapitalgarantie gewährt wird.

Nachfrage garantiert

Da die Produktanbieter 40 Prozent dieses Kapitals an der Wiener Börse anlegen müssen, ist also die Nachfrage nach Wiener Aktien garantiert. Heuer bringt das der Börse (mit rund 32 Mrd. Kapitalisierung) ein zusätzliches Volumen von 100 Mio. Euro. Im Jahr 2006 werden es, rechnet Obersteiner, jährlich rund eine Milliarde zusätzliches Anlagevolumen sein.

Dem zugrunde liegt die Annahme, dass die private Pensionsvorsorge bald so verbreitet sein wird (muss), wie es derzeit das Bausparen mit gegenwärtig rund fünf Mio. Verträgen ist. Ein Riesengeschäft nicht nur für die Anbieter der Finanzindustrie - Fondsgesellschaften und Versicherungen - sondern eben auch für die Wiener Börse.

Kein Wunder, dass der Börsenvorstand die geförderte Pensionsvorsorge als "bestes Katalysatorprodukt" lobt - die Beispiele der Börsenentwicklung in den Ländern, in denen Pensionsvorsorgeprodukte ebenfalls verpflichtend an der Heimatbörse veranlagt werden müssen, erklärt, warum.

Verstärkter Kapitalbedarf

Auf der Grundlage restriktiverer Kreditvergaben der Banken (Basel II) und gleichzeitig verstärktem Kapitalbedarf der heimischen Firmen, die derzeit noch zu zwei Dritteln am Tropf der Bankkredite hängen, erwächst der zweite große Teil der Zukunft der Börse: Eigenkapitalbeschaffung via Börsengang.

Dass Österreich diesbezüglich noch ein Nachzügler ist und die Entwicklung des Finanzplatzes erst beginnt, zeigt sowohl der noch geringe Anteil der privaten Vorsorge als auch die, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, sehr geringe Marktkapitalisierung der Börse. (DER STANDARD Printausgabe, 09.12.2003, Karin Bauer)

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    Die Privatvorsorge ist ein sicherer Treibstoff für den Finanzplatz Wien.

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