Besitzstandswahrer

2. Jänner 2004, 11:28
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Leo Szemeliker über die Versuche mancher Kaufleute, mehr Wettbewerb zu verhindern

Eiskalt war's, die Leute stritten sich um rare Parkplätze vor Einkaufszentren und schleppten flackernden Blickes sich und Plastiksackerln durch Shoppingcenter und Straßen, zusehends vereinsamende Kirchenmänner lamentierten in ihren Predigten darüber, wie konsumsüchtig und gottlos die westliche Welt sei.

Ein 8. Dezember, wie wir ihn seit Jahren kennen. Heuer wurde der Marienfeiertag um eine Diskussion erweitert (nebst jener über die seuchenartige Verhüttelung oder hüttenartige Verseuchung der heimischen Städte durch Punschausschankbuden). In der Wiener Innenstadt empören sich Kaufleute darüber, dass nunmehr an zwei Abenden wochentags bis 21 Uhr offen gehalten werden darf. Es rechne sich nicht, weiß man nicht einmal einen Monat nach Einführung. Die Personalkosten seien zu hoch, der Zusatzumsatz zu niedrig, deswegen: Experiment Liberalisierung gescheitert, bitte schleunigst zurück auf die Grenze von 19 Uhr.

Der nun an die Öffentlichkeit getragene Streit zeigt, dass seit Jahren falsch gespielt wird, denn das schlagendste Argument lässt man unter den Tisch fallen: Niemand zwingt einen Kaufmann aufzusperren. Hingegen hätten es manche Händler, so scheint es, ganz gern, dass Kunden gezwungen werden, zum genehmen Zeitpunkt Geld abzuliefern.

Wenn dies nicht passiert, gibt es nur zwei Konsequenzen: nicht öffnen oder Angebot verbessern - wie etwa eine Übereinkunft zu einheitlichen Öffnungszeiten in einem Stadtteil. Alles andere - die Forderung, die ohnehin halbweiche Liberalisierung zurückzunehmen oder die plötzlich hervorgestrichene Sorge um die Kinderbetreuung für den Nachwuchs des Personals - sind verkleidete Versuche, allzu viel Wettbewerb zu verhindern. Ginge es um ÖBB oder Post, würde sofort jemand "Besitzstandswahrung" rufen. (DER STANDARD Printausgabe, 09.12.2003)

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