"L.I.E. – Long Island Expressway": Letzte Ausfahrt Jugend

19. Juli 2004, 12:27
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Michael Cuestas Filmdebüt "L.I.E. - Long Island Expressway": Ein "verträumtes" Leben an der Peripherie

Wien - Die Autobahn, der Long Island Expressway, führt daran vorbei: am Leben an der Peripherie, den äußerlich makellosen Einfamilienhäusern und ihren grünen Rasenflächen. Seit einigen Jahren ist jedoch genau diese Suburbia im US-Kino der privilegierte Ort geworden, um von der sozialen Verwahrlosung der Jugend zu erzählen: Ob in Larry Clarks Teenagerdramen oder Todd Solondz' Beziehungsgrotesken, in der Vorstadt fängt die Gesellschaft an zu stinken.

Nicht anders die Situation am Anfang von Michael Cuestas Debüt L.I.E - Long Island Expressway: Howie Blitzer (Paul Franklin Dano), der jugendliche Protagonist, lebt seit dem Tod seiner Mutter verschlossen vor sich hin. Das vornehme Haus, ganz in Weiß gehalten, wirkt unbewohnt, sein Vater hat keinen rechten Draht mehr zu ihm. Assoziativ, ohne seinen Helden gleich festmachen zu wollen, nähert sich der Film dem Milieu:

In den Totalen ist viel Himmel, aber wenig Handlungsraum zu sehen; die Blicke der Jugendlichen, vor allem die von Howie auf Gary (Billy Kay), seinen besten Freund, sprechen von einem (noch) nicht ganz erfassbaren Begehren. Durch den Einbruch der beiden in den Keller von Big John (Brian Cox) erhält L.I.E. dann mehr erzählerische Bestimmtheit: Der eigenwillige Vietnamveteran spürt Howie auf, Gary scheint er schon länger zu kennen. Er ist die mysteriöse Gegenfigur zur Gleichförmigkeit der Vorstadtadoleszenz, verkörpert die verdrängten Seiten der US-Gesellschaft. Cox stattet seine Erscheinung anfangs mit bedrohlicher Autorität aus, die auch von sexuellen Vorlieben herrührt - er scheint Howie verführen zu wollen.

Das Verhältnis der beiden bleibt jedoch ambivalent. In den USA hat sich L.I.E. durch seinen Verzicht auf Moral ein Jugendverbot eingehandelt, was dort das kommerzielle Ende des Films bedeutet. Dabei liegt gerade in der Uneindeutigkeit seine Stärke: wenn Cuesta zeigt, wie Howie allmählich die Initiative ergreift, den Ex-Marine mit Walt-Whitman-Gedichten überrascht und zwischen den beiden in einer langen Nacht eine vertrauliche Nähe entsteht, die mehr jener eines Vaters zu seinem Sohn entspricht.

Obwohl L.I.E. nicht immer den richtigen Tonfall trifft und die ein oder andere Volte zu viel setzt, ist er ein ungewöhnliches Coming-of-Age-Drama: Denn nicht, indem er sich von allem losreißt, wird hier ein Jugendlicher reifer, sondern weil er beginnt, die eigene Wahrnehmung zu korrigieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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  • Ein "verträumtes" Leben an der Peripherie: Howie Blitzer (Paul Franklin Dano), der jugendliche Protagonist in Michael Cuestas "L.I.E. - Long Island Expressway".
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    Ein "verträumtes" Leben an der Peripherie: Howie Blitzer (Paul Franklin Dano), der jugendliche Protagonist in Michael Cuestas "L.I.E. - Long Island Expressway".

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