"Gender Studies so nötig wie Albanische Geschichte"

11. Dezember 2003, 13:48
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Feminismus und Gender Studies haben - trotz vorbildlicher Initiativen - in Tschechien keinen leichten Stand

Der Zweite Weltkrieg teilte Europa in zwei Hälften, in "Osten" und "Westen". Getrennt geografisch durch den Eisernen Vorhang und politisch durch Ideologie und beidseitige Propaganda, dass es "den anderen viel schlechter geht", durchlebten beide Pole lange Jahrzehnte des Wiederaufbaus und der Modernisierung.

Während im kommunistischen Osten die Befreiung der Frau als integraler Bestandteil der Gesellschaftsordnung angenommen wurde ("Keine Befreiung der Arbeiterschaft ohne Befreiung der Frau!"), entwickelte sich die Zweite Frauenbewegung als emanzipatorische Kraft des Westens. Hüben wie drüben galt es, Gesellschaftskonzept und Realität kritisch zu betrachten und Über-/Lebensstrategien zwischen Anpassung und Widerstand zu entwickeln.

1989 kam es dann zum weiteren wichtigen Wendepunkt

Der Fall des Eisernen Vorhangs und die Öffnung Europas verkleinerte die Hürden des gegenseitigen Kennenlernens. Was bislang als Mythos "Frau aus dem Osten/Westen" gehandelt wurde, entsprach ja mehr den eigenen Wünschen/Ängsten als der Realität. Das Interesse westlicher Feministinnen stieß dennoch nicht nur auf Gegenliebe. Die Frauen aus dem Osten fühlten sich als "exotische Objekte", denen auch noch das notwendige feministische Vokabular beizubringen sei.

In der Folge entstand eine eigenständige Frauen- und Genderforschung, die sich in Quasi-Tradition des "Black Feminism" auch von den Begrifflichkeiten und Methoden des westlichen Feminismus abgrenzte. In Tschechien zum Beispiel wurde 1991 das erste unabhängige Zentrum für Gender Studies in Prag gegründet, das mittlerweile die größte tschechische Bibliothek in diesem Bereich beherbergt. Immer mehr Studierende und Lehrende an den Universitäten scheinen sich für diesen Zugang zu interessieren und ein hoher Grad der internationalen Vernetzung wurde in den letzten Jahren erreicht.

Akademische Institutionalisierung erweist sich aber schwierig

Im Jahre 1999 wurde das universitäre Institut für Gender Studies - finanziert zum größten Teil von Amerikanischen Sponsoren - an der Karls-Universität Prag am Institut für Philosophie und Kunst gegründet, die interdisziplinäre Gender-Lehrveranstaltungen für alle Studienrichtungen veranstaltet. Doch seit 2003 haben sich die Vorzeichen geändert. Chairman Peter Pavlik im Interview mit dieStandard.at: "Bislang bekamen wir immer große Unterstützung. Seit Jänner 2003 haben wir einen neuen Vorstand, dessen Politik darauf hinausläuft, uns aus dem Institut hinauszubekommen. Wir hätten eine Professur bekommen sollen, auch die hat er gestrichen." Im letzten Senat soll sogar die - sowohl sexistisch als auch rassistische - Aussage gefallen sein, dass Gender Studies gerade mal so nötig wären wie Albanische Geschichte.

Pavlik schätzt den Bekanntheitsgrad des Begriffs "Gender" in der tschechischen Bevölkerung - auch der akademischen - als sehr gering ein. "Gender wird als englisches Wort gesehen, das nicht zum Tschechischen gehört. Auch die "Equal Opportunity"-Maßnahmen der Europäischen Union werden sehr vage wahrgenommen."

(e_mu)

Institut für Gender Studies an der Karls-Universität Prag

Tel: +420 2244 91537
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  • Zentrum für Gender Studies
Gorazdova 20
120 00 Praha2
Czech Republic
Tel/Fax:+420 224 91 56 66
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