Den Orgasmusknopf drücken

10. Dezember 2003, 07:00
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Oder eben nicht: Das "Orgasmotron" ist nicht länger Science Fiction und sein Entwickler sucht nach Testerinnen - ein Kommentar

Es war einmal eine Ehefrau, die hatte schon seit Jahren keinen Orgasmus mehr gehabt. Zudem litt sie unter starken Rückenschmerzen, die sie schließlich in die Arme eines Schmerzforschers trieben, der ihr nicht bei zweiterem Problem, sondern bei ersterem weiterhalf.

Die Dame war dennoch eine gute Ehefrau geblieben, hatte sie ihren Mann doch nichtmal betrogen, denn Herr Doktor verstand die Praxis der unbefleckten Befriedigung. Zumindest versteht er sie seitdem - eigentlich war er selbst erstaunt, wie die Dame auf seine Schmerz-Behandlung reagierte. Das Staunen hielt nicht lange, und er wäre ein schlechter Amerikaner, würde er seine Kunde nicht bald darauf materialisiert und marktklar gemacht haben. Er ließ sich also seine Behandlungsmethode patentieren und heute, zwei Jahre später, sucht er verzweifelt nach Probandinnen, die ihn bei seiner Produktentwicklung unterstützen, indem sie sich den Apparat, der mittels Stromstößen Orgasmen proviziert, ins Rückenmark implantieren lassen. Die Fernsteuerung gibt es dazu.

Wo sind die Frauen wieder mal abgeblieben?

Was stark an die reichsche Orgon-Box, nur eben technisch solide und instrumentell-vernünftig, erinnert, trägt passenderweise die Bezeichnung der Orgasmus-Maschine aus Woody Allens "Sleeper", nämlich "Orgasmotron" und der Wunderdoktor aus dem Non-Fiction-Genre heißt Stuart Meloy und kommt aus North Carolina (USA). Und er versteht die Welt nicht mehr: Erst eine Frau war willens, sich die Apparatur, bestehend aus zwei Elektroden und einem Gerät, das ähnlich einem Herzschrittmacher funktioniert und auch dessen Größe hat, einsetzen zu lassen.

Gegenüber dem "New Scientist" schilderte Meloy seine Verwunderung über den ausbleibenden Anstrum: Er hätte eigentlich erwartet, dass im die "Leute" die Türe einrennen würden, um das Gerät umsonst testen zu können, zumal es am ersten Berechnungen zufolge am Markt etwa 11.000 Euro kosten würde.

Keine will es (?)

Endlich gibt es ein Gerät, dass die ganze Mühe mit Partner/in, Sex und anderen Grausamkeiten vergessen machen kann, ohne den abstinenten Weg gehen zu müssen. Und keine will es? Würde der Apparat für Männer entwickelt werden - die Warteliste der Probanden wäre immens lang, die Konsequenzen im eigenständigen Gebrauch vielleicht unverantwortbar: Isolation, Dehydration, Hungertod. (Funktionieren Ihre Ironiedetektoren?) Meloy schließt zur Zeit eine Weiterentwicklung für Männer gar nicht aus - in erster Linie gehe es aber darum, etwas für Frauen mit Orgasmusproblemen bereitzustellen.

Aber Frauen stehen anscheinend auf Rückgrat, an dem nicht gesägt, gehämmert und gebohrt wird. Vielleicht auch nicht auf die Option, auf Knopfdruck zu kommen, Sexualität aufs Ziel abzustellen, den Prozess der Erregung außen vor zu lassen; oder auch den Partner/ die Partnerin aus der Verantwortung zu entlassen, sich um ihr Kommen mit zu kümmern, weil nun die Möglichkeit dazu vorhanden ist, die Sache allein anzugehen. Apropos: Wozu eine OP über sich ergehen lassen, viel Geld zahlen und sich etwaigen Nebenwirkungen auszusetzen, wenn frau zwei gesunde Hände hat. Eine reicht auch. Oder ein Vibrator.

Den Orgasmusknopf zu drücken widerstrebt Frauen vielleicht auch ob einer Skepsis gegenüber männlicher Technik. Oder generell einer zunehmenden Technisierung der Lebenswelten und Körperarchitektur. Oder in der Ablehnung, an derartigen Versuchen teilzunehmen und die eigene sexuelle Funktionstuchtigkeit permanent überwachen und dokumentieren zu lassen. Denn, sagte schon Foucault, die "...Gefahr zeichnet sich ab - dass nichts im Dunklen verbleibt, dass alles ans objektivierende Licht des Diskurses gezerrt wird und dort den Manipulationen, Prognosen, Präventionen und Normalisierungskampagnen eingegliedert wird".


Die sexuelle "Revolution" per Knopfdruck gehört vielleicht der Zukunft, nicht aber der Gegenwart. (bto)

10.12.2003
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    Frauen, verzweifelt gesucht: Will denn keine außer eine?
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