"Medien fallen auf billige Tricks herein"

16. Dezember 2003, 11:30
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Schwedischer Ex-Neonazi: Rechtsextreme provozieren Negativschlagzeilen, um mehr Mitglieder anzuwerben

Stockholm - Die negative Medienberichterstattung über die Rechtsradikalenszene ist ein wichtiger Baustein in der Rekrutierungsarbeit schwedischer Neonazis. Das behauptet der abgesprungene Rechtsextremist Johnny Höglin in der Sonntagsausgabe der Tageszeitung "Dagens Nyheter". Die Rechtsextremen würden absichtlich besonders "ekelhaftes Propagandamaterial" produzieren, um damit "fette Schlagzeilen" zu erreichen. Nach jedem Artikel in einer Zeitung habe seine Neonazi-Gruppe neuen Zulauf bekommen, schreibt Höglin.

"Neo-Nazi-Armee"

Auch bei der Berichterstattung über eine angeblich im Aufbau befindliche "Neo-Nazi-Armee" im Zusammenhang mit einer Polizeirazzia in Skövde vor zwei Wochen hätten die Medien als "Beweise" für den geplanten Aufbau bewaffneter Einheiten hauptsächlich vorgefertigtes Propagandamaterial der Neonazis herangezogen. Hinter dem Verhalten der Medien vermutet der ehemalige Neonazi entweder eine "erstaunliche Naivität" indem die Intelligenz der Extremisten stark unterschätzt würde, oder rein wirtschaftliches Kalkül, weil sich Geschichten über gefährliche Neonazis einfach gut verkaufen ließen.

Höglin war nach der Bekanntschaft mit dem Exiliraner und Hochschul-Lektor Mohsen Hakim aus der Neonazi-Gruppe "E-Tuna NS" in Eskilstuna abgesprungen und tritt seither aktiv für eine differenzierte Betrachtung des Phänomens Rechtsextremismus auf. Insbesondere fordern Höglin und Hakim, jugendliche Neonazis nicht zu dämonisieren und aus der Gesellschaft auszuschließen. Das eigentliche Problem in den Augen von Einwanderern sei nicht die unsachliche Propaganda der Neonazis, sondern die "normalen" Vorurteile der Arbeitgeber, die eine Teilnahme am gewöhnlichen Arbeitsleben verhinderten. (APA)

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    Schwedische Tageszeitungen aus dem Jahr 1999 mit Warnungen gegen wachsenden Rechtsextremismus auf den Titelseiten

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