Moldawien - der "zweite rumänische Staat"?

7. Dezember 2003, 19:33
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Die Chance einer "Wiedervereinigung" rückt durch Rumäniens EU-Kandidatur in weite Ferne

Betrachten Sie diese Frage als nicht gestellt", sagte Rumäniens Diktator Nicolae Ceau¸sescu, als eine Gruppe österreichischer Journalisten von ihm in den 1970er-Jahren wissen wollte, ob ein besonderes Verhältnis Bukarests zur benachbarten Sowjetrepublik Moldawien bestehe.

Dass diesseits und jenseits des Grenzflusses Pruth Rumänen lebten und dass das Land bis zum Dnjestr - nach einem walachischen Fürsten, der dort die Tataren vertrieben hatte, Bessarabien genannt - bis 1812 ein Teil des Fürstentums Moldau war, diesem vom Zaren abgepresst wurde, aber 1918 bis 1940 wieder zu Rumänien gehörte, war ein Tabu, über das offiziell kein Wort verloren werden durfte.

Als 1989/90 die große Wende eintrat und in der noch Sozialistischen Sowjetrepublik Moldawien, in der Landessprache Moldova, erste freie Wahlen stattfanden, schien die Wiedervereinigung mit Rumänien greifbar nahe. Die "Volksfront", die die Mehrheit unter den gewählten Abgeordneten stellte, sah darin ihr Ziel. Die Grenze am Pruth, auch unter den kommunistischen "Brüdern" für Normalsterbliche hermetisch geschlossen, war plötzlich offen. Die Brücke bei Sculeni war mit Blumen überschüttet, und in beiden Richtungen strömten tagelang Menschen in nationaler Begeisterung.

Als die Sowjetunion zerbrach, proklamierte die Republik Moldova ihre Unabhängigkeit. Rumänisch wurde zur Staatssprache (neuerdings wieder "Moldawisch") erklärt und sollte statt mit kyrillischen nun in lateinischen Buchstaben geschrieben werden. Zur Staatsflagge wurde die rumänische blau-gelb-rote Trikolore, die als Unterscheidungsmerkmal nur das alte moldauische Wappen im Mittelfeld trug. Der frühere KP-Funktionär Mircea Ion Snegur, der sich zur "Volksfront" bekannte, wurde vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt, die KP wurde verboten.

Dass die Führung des jungen Staates nicht sofort die Chance ergriff, den Status quo vor der Stalinschen Annexion wiederherzustellen, hatte verschiedene Gründe. Erstens stand Moldova, "Gemüsegarten der Sowjetunion", wirtschaftlich besser da als das heruntergewirtschaftete Rumänien. Auch musste die Führungselite befürchten, in einem vereinten Rumänien an den Rand gedrängt zu werden.

Vor allem schien der Verlust des östlich des Dnjestr gelegenen Landesteils unvermeidlich. Dort leben hauptsächlich Russen und Ukrainer, und schon am 3. September 1991 hatte sich das Gebiet als Transnistrien für unabhängig erklärt. Stalins 1924 realisierte Erfindung der zunächst winzigen autonomen Moldawischen Republik am linken Dnjestr-Ufer, zur Wahrung des Anspruchs auf Bessarabien erdacht, wurde nun zum Spaltpilz.

Snegur suchte dem durch ein Bekenntnis zum "einigen und unteilbaren Moldava" zu begegnen. Doch Transnistrien, mit einer am Dnjestr stationierten russischen Division als Rückhalt, beharrte auf seiner Souveränität. Bis zum heutigen Tag hat dort der autoritär regierende Igor Smirnow jede Teilnahme an moldawischen Wahlen verboten. Und die in diversen Abkommen erst mit Jelzin, dann mit Putin getroffenen Vereinbarungen über einen Abzug der russischen Truppen harren noch immer der Erfüllung.

Weder der Europarat, der Moldova nach Abschaffung der Todesstrafe (1996) aufgenommen hat, noch eine am Dnjestr stationierte gemischte "Friedenstruppe" konnte an der Haltung der Separatisten etwas ändern. Zum Unterschied davon haben sich die turksprachigen Gagausen im moldawischen Süden mit einer Autonomie zufrieden gegeben.

Inzwischen geriet die moldawische Wirtschaft immer mehr in eine schwere Krise. Das BIP sank im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit gegenüber der auch nicht rosigen Sowjetzeit um mehr als ein Drittel, die Arbeitslosigkeit liegt bei 50 Prozent, Moldova teilt sich mit Albanien den Status des Armenhauses Europas.

Die Bevölkerung wandte sich von Snegur, der mit seiner neu gegründeten Gründung "Partei der nationalen Wiedergeburt und Errettung" eine Balancepolitik zwischen Russland und dem Westen versuchte, ab. Die Verluste der rumänienfreundlichen Parteien bei den Wahlen 1994 ermöglichten die Annäherung an Russland durch den Beitritt zur GUS. 1996 musste Snegur sein Amt an den von der seit 1994 wieder legalen KP begünstigten Parteilosen Petru Lucinschi abtreten, 1998 wurden die Kommunisten stärkste Kraft, wurden aber durch eine Koalition der anderen Parteien noch von der Regierung fern gehalten. 2001 jedoch erreichten sie mit 50,7 Prozent die absolute Mehrheit im Abgeordnetenhaus. Ihr Vorsitzender Wladimir Woronin wurde neuer Staatspräsident - der erste KP-Chef, der in einem postsowjetischen Staat das höchste Amt innehat.

Die KP-geführte Regierung ging aber in ihrer Annäherung an Russland zu weit, als sie 2001 nach einem Freundschaftsvertrag mit Putin, der dafür die transnistrischen Separatisten verbal verurteilte, Russisch wieder als Pflichtfach an den moldawischen Schulen verordnete und überdies die Ersetzung des Fachs "Geschichte Rumäniens" durch "Geschichte der Moldau" und die Erhebung des Russischen zur zweiten Staatssprache plante. Gewaltige, von der Christdemokratischen Volkspartei organisierte Massendemonstrationen in der Hauptstadt Chi¸sinau zwangen zur Rücknahme dieser Projekte und zur Absetzung des Unterrichtsministers. Die rumänischen Moldawier gaben damit zu verstehen, dass sie von der KP wirtschaftliche Verbesserungen, aber nicht die Rückkehr zur Russifizierung erwarten.

Indes hat Rumäniens in Aussicht gestellte Aufnahme in die EU dazu geführt, dass zehn Jahre nach dem freien Reiseverkehr mit Moldova von dessen Bewohnern wieder die Vorlage eines Reisepasses an den Grenzen verlangt wird, was von Chi¸sinau ebenfalls mit der Passpflicht für Rumänen beantwortet wurde.

Brüssel hat diese Maßnahme von Bukarest verlangt, um so die in Aussicht genommene EU-Außengrenze vorsorglich zu markieren. Damit scheint die Existenz zweier rumänischer Staaten vorerst auf lange Zeit festgeschrieben.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7. 12. 2003)

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