Gangster in Gesellschaft

11. Dezember 2003, 19:24
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Das Jüdische Museum zeigt ohne Scheu vor Tabuverletzungen den jüdischen Anteil an der Mafia

Mit der modernen Wirtschaft hielt anfangs nur die Mafia Schritt: Eine unkonventionelle Ausstellung im Jüdischen Museum zeigt ohne Scheu vor Tabuverletzungen den jüdischen Anteil daran.

Wien – Die Arbeitsteilung im Gangsterwesen – ein "Boss" gibt den Auftrag, Angestellte führen diesen aus – ist verschwistert mit der Arbeitsteilung in der modernen Wirtschaft und der Entwicklung der Moderne: Nach dem Sieg der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg wandelten sich die USA beschleunigt in einen Industriestaat und zogen Einwanderer an, aus Irland, Italien und auch aus allen Gebieten, wo man Juden immer schon schlecht behandelt hatte.

Das Problem für all diese Zuwanderer war die Arbeitsbeschaffung. Die Welt der freien Marktwirtschaft war schnell zu eng, so bot sich die weite Unterwelt an. Deshalb bildeten sich schon vor 1900 in den Städten rivalisierende "Gangs", darunter auch jüdische.

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum mit dem ironischen Titel "Kosher Nostra" geht hier, indem sie die Schicksale jüdischer Gangsterbosse zeigt, einmal ziemlich frech gegen Klischees vor: erstens gegen das antisemitische Klischee vom "feigen" Juden, zweitens gegen das altvertraute Wahnbild einer "jüdischen Weltverschwörung". Die jüdischen Gangster waren zum Beispiel großteils Einzelgänger, keine Spur von weltweiten Verbindungen. Trotzdem mussten die Banden zuvor aber ein zweites Problem, das die Moderne ihnen stellte, lösen, nämlich das von ethnischen Spannungen.

Durch eine Vereinigung von ethnisch und national verschiedenen Gruppen durch den Sizilianer Lucky Luciano und Meyer "Little Man" Lansky aus Grodno/Polen in der "Commission" der New Yorker Unterwelt gelang dies: Die Gangsterwelt war schon um 1910 übernational und interkonfessionell.

Dennoch gab es große Unterschiede zwischen der sizilianischen Cosa Nostra und der "Kosher Nostra": Während die Sizilianer in katholischem Pathos ihre "Cosa Nostra" zelebrierten, agierten jüdische Gangster im säkularisierten Raum, wo sie ihren "Beruf" auch nicht vererben wollten. Dabei: "Erbfälle" gab es hier massenhaft, schließlich wurde dauernd jemand erschossen.

Die Ausstellung, die geschickt reiches Informations-und Fotomaterial mit Gangsterporträts des Malers Oz Almog kombiniert, liefert Einzelbiografien. Zum Beispiel 1914, der Gangsterboss Benny Fein kontrolliert den New Yorker Arbeitsmarkt: Er lässt aber nur geschriebene Arbeitsverträge zu und weigert sich, 15.000 Dollar von einem Unternehmer zu nehmen – er sympathisiere, so betonte er, ausschließlich mit der Gewerkschaft.

Angesichts einer Liste mit Preisen der Mafia-Dienstleistungen ("Messerschnitt ins Gesicht: Dollar 1-10; Mord: Dollar 10-100") ist man pflichtgemäß erschüttert von solch bösen Verbrechen zwischen Mord, Alkoholschmuggel und Drogenhandel. Und traurig ist freilich auch der Anblick des 1936 ermordeten Gangsters Irving Ashkenas: Das Foto zeigt ihn liegend neben dem Auto, darüber das Hotelschild seiner nicht mehr erreichten Unterkunft: "Hotel of Happiness".

Ja, das alles ist böse. Und doch ist es teuflisch witzig, wie weit etwa der Ehrbegriff getrieben wurde: Da wurde der Gangleader Samuel Morton 1923 in Chicago beim Reiten vom Pferd abgeworfen und war tot. Daraufhin rückten seine "Angestellten" aus, stellten das Pferd an die Unglücksstelle, bissen ihm in die Schnauze und erschossen es: "Es soll nie vergessen, was es heißt, sich mit uns anzulegen!" (DER STANDARD, Printausgabe, 6./7./8.12.2003)

Von
Richard Reichensperger

Bis 25. 4. 2004

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Jüdisches Museum Wien

  • Zärtlich nur zu Toten: Detektive betrachten die Leiche des Gangsterbosses 
Louis Cohen. Er starb offensichtlich keines natürlichen Todes.
    foto: jüdisches museum

    Zärtlich nur zu Toten: Detektive betrachten die Leiche des Gangsterbosses Louis Cohen. Er starb offensichtlich keines natürlichen Todes.

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