Entwarnung an der Extravergine-Front

9. Juni 2004, 14:41
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Test - Olivenöl: Es gibt sie noch, die guten Erzeugnisse. Man kann sie riechen, schmecken und rein gefühlsmäßig von den minderen Varianten abgrenzen

Entscheidend ist nicht immer der Preis. Eine Standard-Expertenrunde verkostete, Michael Freund schrieb mit.

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Eulen nach Athen zu tragen ist nichts im Vergleich dazu, uns über die Vorteile von Olivenöl aufzuklären. Wir wissen Bescheid. Das Öl fördert Gesundheit und Schönheit, ist reich an den richtigen und ganz arm an den falschen Fetten. Es gehört zur mediterranen Diät, die ja, wie die WHO gern bestätigt, die gesündeste überhaupt ist (auch wenn man nicht als toskanischer Halbpächter jahraus, jahrein schwere körperliche Arbeit verrichtet?), und schon die alten Kreter (keine Lügner) wurden mit seiner Hilfe uralt.

Oder glauben wir das alles nur dank einer hervorragend eingefädelten Marketingstrategie, die uns jedes in beliebigen Mittelmeergegenden industriell hergestellte Lampantöl als "sorgfältigst" (ohne dieses Wort geht es nie) erstgepressten Frucht-Saft aus Bauernhand verkauft? Die EU-Bestimmungen ließen bis- her jedenfalls alle möglichen ölglatten Unschärfen zu (siehe dazu das heutige ALBUM-Dossier). Schlimmer noch, es könnte so weit kommen, dass wir das durchschnittliche Öl mit unterdurchschnittlichen Analysebefunden (schlechte Fette-Ratio, chemische Rückstände etc.) als durchaus befriedigend empfinden und uns an den charakteristischen, ausgeprägteren, angenehm scharfen Varianten sogar stören könnten - eine Art Apfel- oder Holland-Tomaten-Schicksal im Pseudo-Extravergine-Bereich. Andreas März von Merum warnt genau davor (www.merum.info).

Unser Test kann ein wenig Entwarnung geben: Wenn man den STANDARD-GastrosophInnen Christa Fuchs, Florian Holzer und Luzia Schrampf folgt, dann lässt sich sehr wohl unterscheiden, was wirklich gut ist und was grade noch geht. Das dürfte mit der Qualität der Oliven und der nötigen und teils wohl auch vorhandenen Sorgfalt bei der Herstellung korrelieren (und daher mit dem Preis, wobei ein gehobener selbstverständlich keine Garantie für irgendetwas ist).

Die Kriterien:

Ausgewählt wurden Öle aus Mittelmeerländern (für Exotiker wie kalifornische Boutiquepressungen war weder Platz noch dringender Bedarf), vom Discounter bis zum Gourmet-Importeur, in verschiedenen Preisklassen.

Gewertet wurden der Duft, der Geschmack, das Gefühl im Mund (Viskosität), der Abgang. Zu ungefähr gleichen Teilen. Die Tester waren sich oft, aber nicht immer einig (siehe Kommentare unten). Abschlussnoten von 1 bis 10 (Optimum). Die Werte wurden gemittelt.

Verkostet wurde von den oben genannten STANDARD-Mitarbeitern; blind, d. h. man wurde nicht durch das Wissen um Preis und den Anblick von wunderschönen Etiketten abgelenkt. Der Berichterstatter kostete sehend mit, seine Bewertung blieb unberücksichtigt. Die Preise der Öle wurden, da nicht bekannt, nicht mitbewertet. Aus Gründen der immer noch mangelnden Sorgfalt bei Güteklassifizierungen lassen wir im folgenden die "Nativ"- und "Extravergine"-Bezeichnungen weg.

Es folgen, in alphabetischer Reihenfolge, mit ausgewählten Kommentaren versehen:

Die Ergebnisse:

Carapelli, 100 % Italiano
In vielen Lebensmittelgeschäften.
0,75l zu 6,29. Literpreis: € 8,40.
Einer der großen (rein?) italienischen Hersteller. Urteile: Duft mäßig ausgeprägt, vordergründig; neutraler, industrieller Geschmack, simpel, etwas nussig; im Mund schöne Konsistenz; bissl fad im Abgang, kurz.
Durchschnittsnote: 4,3.

Castello
"Aus verschiedenen Mittelmeerländern", bei Hofer.
0,75l zu € 2,79. Literpreis: € 3,72.
Urteile: erinnert an Blumen, Apfel, medizinisch, scharf; schmeckt ein bissl nach Mandeln, künstlich, ölig, aber nicht sehr lebendig; rundes Gefühl; Abgang: kurz, nein: doch eher lang.
Durchschnittsnote: 4.

Comincioli
Von Gianfranco Comincioli in Puegnago sul Garda (Provinz Brescia) erzeugtes Öl der Sorte Casaliva. Z. B. bei Meinl am Graben oder Vinissimo (Bezugsquellen: Tel. 06232-6900; info@oliosecondoveronelli.at).
0,25l zu ca. 25,-. Literpreis: ca. € 100,-.
Anbau und Verarbeitung nach Veronelli-Richtlinien (siehe ALBUM Seite A 3). Urteile: feiner Duft, grün-grasig, Heu, Olive!; frisch, markant, tolle Frucht, elegant, nicht so ölig, schön eingebundenes Bittere, scharf, langer Abgang.
Durchschnittsnote: 7,3.

Domaine-Les-Bastidettes
Sortenreines Öl von André Meiffre in Mas-Thibert im südfranzösischen Bouches-du-Rhone. Bei Böhle auf der Wollzeile.
0,5l zu 18,70. Literpreis: € 37,40.
Eines der Cru-Öle des Wiener Feinkosthändlers. Urteile: sehr fruchtig, frisch, grasig, Tannennadeln; Pinienkerne, komplex, toll, individuell!; fein cremig, voll, ohne schwer zu sein; sehr angenehmer, langer Abgang, herbe Komponente.
Durchschnittsnote: 8,7 (Testsieger).

Prima Spremitura
Gegenbauer-Import aus Sizilien
0,5l zu 25,-. Literpreis: € 50,-.
Urteile: sehr grasig, grün, präzise, harmonisch; subtil scharf, eher Chili als Pfeffer, Pfefferminz, weich und sanft am Gaumen, eher schlank; Abgang scharf (jugendlich?), geht auf wie ein Fächer, cremig.
Durchschnittsnote: 7,3.


Mani Greek Gold
vom Peloponnes (Fam. Bläuel); z. B. bei Spar oder am Naschmarkt.
0,5l zu 6,40. Literpreis: € 12,80.
Von Österreichern mit mehr als 200 Vertragsbauern auf der Mani-Halbinsel aufgezogenene und über Wien vermarktete Ölgewinnung (www.mani.at). Manfred Bläuel ist Ko-Autor des Buches Heilendes Olivenöl (vergriffen, an einem Nachfolgeband wird gearbeitet). Urteile: grün, grasig, präzise, feine Olive; Mandel, leicht bitter, leicht herb, nussig; im Mund üppig, befriedigend, barock, etwas schmierig, rund; nicht sehr langer Abgang, aber schön, irgendwie jugendlich, schöne Schärfe.
Durchschnittsnote: 6,3.

Minos
aus Kreta. Bei Hofer.
0,75l zu 4,49. Literpreis € 6,-.
Das etwas teurere Herkunftsöl des Discounters. Urteile: wenig ausgeprägt, bitter, unklar, erdig, keine explizite Frucht; wirkt überständig, neutral, leicht nussig, nicht frisch; cremig, schwer, irgendwie unsauber; fett am Gaumen, bitter im Nachgeschmack, brennt fast.
Durchschnittsnote: 3,7.

Oli
Von Mas d'en Gil aus dem Priorat (Spanien), aus Arbequina-Oliven. Beim Wiener Spezialitätenimport Festival (www.festival.co.at).
0,5l zu 12,65. Literpreis: € 25,30.
Urteile: grün, aber unpräzise, neutral, nur in Nuancen Olive zu erkennen; nussartig, simpel, indifferent; ölig im Mund, eher schmierig, angenehm, hinterlässt wenig Eindruck, zum Backen; kurzer, neutraler Abgang, weich und unpräzise.
Durchschnittsnote:
3,3.

Olio di Montefalco
Von der Familie Spacchetti bei Montefalco (Provinz Perugia) gewonnen. Erhältlich z.B. im Weinkontor Bräunerstraße, Wien.
0,5l zu 18,-. Literpreis: € 36,-.
Das Öl wird im Slow-Food-Führer zu 185 Ölen Guida agli extravergini mit der Maximalzahl von drei Oliven bewertet. STANDARD-Urteile: neutral, eher wenig Duft, Olive, könnte intensiver sein; Geschmack grün, ausgeprägt, olivig und bitter, nussig; im Mund sehr ölig, mäßig, geschmeidig, seidig; der Abgang eher kurz, wird bitter, "hätte Längeres erhofft".
Durchschnittsnote: 5,3.

Uèli
Vom Winzer Goivanni Dri aus Ramandolo im Friaul. Über Döllerer (Golling) oder unter www.weingeniesser.at erhältlich.
0,25l zu 14,90. Literpreis; € 59,60.
Urteile: Duft dezent, mäßig ausgeprägt, "intensiviert sich mit steigender Wärme"; fein, trocken, elegant, nussige Komponente; im Mund mollig und weich, "ölig, wird dann eher dünn, seltsam"; im Abgang pfeffrig, zart nussig, lang, nicht zu lang.
Durchschnittsnote: 5,7.
(DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 6./7.12.2003)

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.

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    foto: m. cremer

    Die getesteten Produkte

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