Am seidenen Faden in die Lüfte

15. Jänner 2004, 09:17
posten

Der Futurismus erobert das Kabinetttheater - und dieses mit Wolfgang Mitterers Hilfe ihn

Wien - Buster Keaton war selbst die Puppe, an deren Fäden er zog. Herbert Achternbusch ist die seine. (Wenn auch bei ihm die Seile sich gern in der Unendlichkeit verheddern.) Insofern wäre die theatrale Porzellangassen-Manufactur, das Wiener Kabinetttheater von Julia Reichert und Christopher Widauer, nur als illegitimer Nachkomme der beiden zu bezeichnen.

Dort nämlich behaupten die so genannten Puppen durchaus herrschaftliche Würde gegenüber den Wesen, mit deren Händen sie spielen. Dennoch. Die Verwandtschaft ist groß, auch bei näherem Hinsehen. Und also kann es kein Zufall sein, dass das Filmmuseum seine grandiose Buster-Keaton-Retrospektive (Buster-Keaton-Retrospektiven sind per se grandios, schon die vor einigen Jahren. Wenn auch in beiden wesentlich der Film Film fehlt, den Keaton 1965 mit Samuel Beckett gedreht hat) just mit der jüngsten Produktion des Kabinetttheaters koordiniert hat.

Beweis Nummer eins: Hier wie dort huldigt man den Errungenschaften der Mechanik, trotzt ihren ehernen Gesetzen und fährt Ballon. In des Kabinetttheaters jüngster Sammlung von neun neu produzierten Minidramen allein schon deshalb, weil im Programm ein stück für die luft nach Schwitters und der Wiener Gruppe nun die Futuristen das technikverzückte Wort ergreifen, zudem Paul Scheerbart ein Oratorium in Ballongondeln ersann und ein (amerikanisches) Kriegstheater (1909!), samt effektvollem Luftkrieg über Wasser.

Beweis Nummer zwei (Hauptbeweis): Bei Keaton wie den Kabinetts liefert der abstruse Handlungsfaden lediglich den - eben - fadenscheinigen Vorwand für die nackte Lust am durchkomponierten Augenblick. Es leben die Tüftler und die Gegenwart. Pralle sechzig Minuten lang!

Beweis Nummer drei: Hinkt, da sie im Filmmuseum fehlt - die Originalbegleitung am Flügel. Im Kabinetttheater berserkert hingegen kein Geringerer als Komponist und Live-Electronic-Meister Wolfgang Mitterer selbst, dessen Klanginfernos etwa das Kriegstheater zu akustischer Bedrohlichkeit verdichten.

Nachsatz eins: ein Muss.

Nachsatz zwei: "Alle Vorstellungen sind restlos ausverkauft, weshalb wir bitten, die Vorstellung nicht weiterzuempfehlen." Doppelt zu spät.
(DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2003)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Die Würde von Kunst und Technik sind unantastbar
    foto: kabinetttheater

    Die Würde von Kunst und Technik sind unantastbar

Share if you care.