"Aufschwung fühlt sich sehr gesund an"

19. Dezember 2003, 14:10
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Das Tief ist vorüber, Firmenchefs schreiben jetzt mit Bankern wieder Einkaufslisten, sagt Christoph Ladanyi von Lehman Brothers im STANDARD-Interview

Standard: Lehman Brothers stellen in den USA neue Banker ein und haben im dritten Quartal den Gewinn um 147 Prozent gesteigert. Jetzt verstärken Sie auch Ihre Präsenz in Österreich und stocken in Deutschland auf. Geht es Ihrer Branche, die in den drei katastrophalen Börsenjahren gut 47.000 Jobs abbauen musste, denn schon wieder so gut?

Ladanyi: Wir haben heuer ein hervorragendes Jahr. Drei Jahre lang sind wir Investmentbanker zu den Firmenchefs gekommen und die hatten keine Themen, höchstens Defensivthemen, Abschreibungen, Wertberichtigungen, Restrukturierung. Jetzt steht wieder Vorwärtsstrategie auf dem Programm der wichtigsten Unternehmen in Europa. Die Firmen wollen jetzt von uns wissen, wie sie intelligent wachsen können. Im noch günstigen Zinsumfeld werden jetzt die Einkaufslisten geschrieben.

Standard: Das heißt nicht nur im Beratungs-, sondern auch im Börsengeschäft ist für Investmentbanken wieder Geld zu verdienen - die Unternehmen haben ja wieder Finanzierungsbedarf . . .

Ladanyi: Unsere Pipeline sieht gut aus, besonders in der vorbörslichen Finanzierung - Private Equity. Sie sehen das aber auch bei den Anleihenemissionen, den schon zahlreichen Kapitalerhöhungen und sogar bei den neuen Börsengängen. Die großen Investmentbanken sind heuer allesamt auf gutem Weg, erstmals seit dem Jahr 2000 eine Gewinnsteigerung zu erwirtschaften. Lehman hat mit der Übernahme des Vermögensverwalters Neuberger Berman (um 2,6 Mrd. Dollar, Anm. d. Red.) ja auch gezeigt, wo wir zusätzlich auch wachsen können.

Standard: Sie zweifeln nicht an den möglicherweise von den bevorstehenden Präsidentenwahlen stimulierten US-Konjunkturdaten - Sie glauben, dass in Europa ein nachhaltiger Aufschwung begonnen hat?

Ladanyi: Ich sage Ihnen, wir haben ein Momentum, der Aufschwung fühlt sich sehr gesund an. Unsere Branche ist dafür ein Seismograf.

Standard: In Österreich sind Sie mit der Telekom Austria und der OMV bekannt geworden, jetzt verkaufen Sie gerade die fünf Bundeswohnbaugesellschaften. Wo sehen Sie denn noch Geschäfte?

Ladanyi: Zuerst natürlich bei den anstehenden ÖIAG-Privatisierungen und in der Infrastruktur, der Energiewirtschaft. Aber schauen Sie sich doch die großen Unternehmen an: Die Vorwärtsstrategie einer Erste Bank oder etwa einer Böhler, einer VA-Tech, da ist ja eine große Dynamik im Markt. Bei den großen mittelständischen Firmen in Österreich herrscht jetzt eine große Nachfrage nach vorbörslichen Finanzierungen, nach Kapitalbeschaffung - und, wie gesagt, in der Beratung, was ihre Wachstumspotenziale betrifft. (Der Standard, Printausgabe, 05.12.2003)

Christoph Ladanyi ist für Lehman Brothers, den weltweit fünftgrößten Investmentbanker, für das Geschäft im deutschsprachigen Raum exklusive der Schweiz verantwortlich. Zuvor hat er für Goldman Sachs das Geschäft in dieser Region aufgebaut und war für Merrill Lynch in New York tätig. Interview von Karin Bauer durchgeführt
  • Der Aufschwung ist da. Die Firmen wollen jetzt wissen, wie sie intelligent wachsen können
    foto: photodisc

    Der Aufschwung ist da. Die Firmen wollen jetzt wissen, wie sie intelligent wachsen können

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