Akademische Gleichstellungsbemühungen

4. Dezember 2003, 11:16
1 Posting

Einblick in feministische Wissenschaften und Frauen- und Geschlechterforschung an der Uni Wien

Wien - Seit dem Wintersemester 2002 ist es möglich, Gender Studies/feministische Wissenschaften/Frauen- und Geschlechterforschung als interfakultären Studienschwerpunkt an der Universität Wien zu studieren. Neben der jeweiligen Diplomstudienrichtung können von allen Studierenden die für die Anrechnung nötigen Module (Basismodul, Grundlagenmodule und Thematische Module) belegt werden, die jeweilige Fachrichtung ist ausschlaggebend für die Wahlfächer. Zudem wird dieses Semester auch eine Ringvorlesung im Rahmen des Einführungsmoduls zum Studienschwerpunkt Gender Studies zum Thema "Gendered Subjects I: Die Kategorie Geschlecht im Streit der Disziplinen" veranstaltet (Montag, von 18 bis 20 Uhr, Hörsaal A, AAKH Campus Hof 2, 1090 Wien, Spitalgasse 2).

Im Spitzenfeld

Mit etwa 150 Lehrveranstaltungen im Bereich Frauen- und Geschlechterforschung pro Semester liegt Wien im Spitzenfeld Europas, wie das Ergebnis einer Studie des Projektzentrums Genderforschung dieses Jahr zeigte - das entspricht in etwa dem Gesamtangebot an Instituten wie Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaft sowie Politikwissenschaft.

Besonders aktiv im Anbieten frauen- bzw. geschlechterspezifischer Vorlesungen, Übungen und Seminaren waren dabei die Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften sowie die Geistes- und Kulturwissenschaftliche Fakultät - am anderen Ende der Skala finden sich die beiden theologischen Fakultäten sowie die Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik sowie die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Mathematik. Die meisten Prüfungen im Gender-Bereich absolvierten die angehenden PolitikwissenschafterInnen, gefolgt von Studierenden der Publizistik und Kommunikationswissenschaften.

Dass nicht ausschließlich Frauen den Schwerpunkt Gender Studies setzen, zeigt eine im Frühjahr erschienene Studie vom Projektzentrum Genderforschung der Uni Wien: etwa ein Viertel der Studierenden sind männlich.

Ungleichgewicht

Die Hälfte der an der Uni Wien gehaltenen Veranstaltungen im Bereich feministische Wissenschaft wird von externen LektorInnen getragen, vorwiegend von weiblichen. Eine Implementierung der Gender Studies in die neuen Curricula und ordentliche Verträge für die externen würde einem immer noch prekären Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern im akademischen Bereich zumindest keinen Vorschub leisten, wenn nicht abbauen helfen. Der Frauenanteil an AssistentInnen und ProfessorInnen im Verhältnis zum vorhandenen Potenzial an Studentinnen und Absolventinnen ist nach wie vor gering: So sind an der Universität Wien derzeit 63 Prozent der AbsolventInnen Frauen, aber nur neun Prozent der ProfessorInnen weiblich.

Abhilfe

An der Universität Wien war die Errichtung einer eigenen Servicestelle für Frauenförderung vor drei Jahren die entscheidende infrastrukturelle Voraussetzung für effektive Gleichstellungsinitiativen. Mit dem Projektzentrum Frauenförderung realisierte die damalige Vizerektorin Gabriele Moser zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Chancen der Frauen im Wissenschaftsbetrieb. Die Uni Wien war damit die erste österreichische Hochschule, an der ein derartiges Frauenförderzentrum eingerichtet wurde. Neben der bereits etablierten Beratungsstelle Sexuelle Belästigung und Mobbing sowie dem Personalentwicklungs-Lehrgang zur Karriereplanung für Wissenschafterinnen sind die beiden erfolgreichen EU-geförderten Pilotprojekte Mentoring-Programm und Coaching-Projekt hervorzuheben.

"Good will" oder eben nicht

Gerade im Bereich der Universitäten braucht es Verbesserungen für Frauen mit Dynamik - ob der Vollrechtsfähigkeit der Universitäten liegt es aber mittlerweile am etwaig keinenfalls "good will" der Rektoren, welcher Weg punkto Frauenförderung in Zukunft beschritten wird. Als übles Omen könnte ausgefasst werden, dass von neun Mitgliedern in der Arbeitsgruppe Vollrechtsfähigkeit nur eines weiblich war und dass im Universitätsrat keine Geschlechterquote vorgesehen ist. Ob sich die vollrechtsfähigen Unis weiterhin Gender Studies in einem Ausmaß "leisten" werden, dass einem Ausbau, keinem Abbau gleichkommt, wird sich in der braven neuen Welt bald erweisen. (red/APA)

  • Artikelbild
    logo projektzentrum genderforschung uni wien
Share if you care.