Im Land der Orks

13. Mai 2005, 11:56
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In Neuseeland lernte der "Herr der Ringe" laufen. - Und brachte die Destination touristisch ins Rampenlicht

Mittelerde hat ein neues Herz. Es heißt Wellington und ist die Hauptstadt Neuseelands. 100.000 Besucher waren am 1. Dezember 2003 in der südpazifischen Stadt, um den "Herr der Ringe" zu feiern. Eine Parade der Schauspieler und Macher zog durch die Stadt, bevor "Die Rückkehr des Königs" Weltpremiere feierte. Die Menschen hatten sich als Elfen, Hobbits oder Zwerge verkleidet. "Peter Jackson for Primeminister", forderten einige Besucher, die am 500 Meter langen roten Teppich standen und hörten wie Elijah Wood, Viggo Mortensen und Liv Tyler Wellington, Neuseeland und Ringe-Regisseur Jackson in den Himmel lobten.

Der "Herr der Ringe" hat Neuseeland verändert...

... und Neuseeland hat den "Herr der Ringe" verändert. Denn nun ist das Fantasiereich ein realer Ort. Neuseeland ist Mittelerde. Tourism New Zealand warb bereits nach dem ersten Teil mit den Landschaften der Drehorte. Air New Zealand beklebte zwei ihrer Maschinen mit Motiven aus dem Film. Nur Wellington durfte nicht in Mittelerde umbenannt werden, obwohl einige das verlangt hatten. "Als Ringe-Fan muss man hier herkommen", sagte eine österreichische Urlauberin im vergangenen Jahr, als Ian Alexander seine Farm, Drehort für "Hobbingen", für Besucher öffnete. Sie hatte ihren Job als Grafik-Designerin extra aufgegeben, um die Orte zu sehen, an denen Fantasie und Wirklichkeit in Schluchten, Vulkanen, Küsten und Urwäldern zum "Herr der Ringe" verschmelzen.

50.000 Touristen pro Jahr kommen derzeit aus Deutschland, der Schweiz und Österreich ans andere Ende der Welt. Es werden mehr werden. Dank Jackson, der mit der Trilogie ein ganzes Land inspirierte und zu neuem Selbstbewusstsein verhalf. An den rund 350 Drehorten ist nicht mehr viel zu sehen, nur dem Geist der Ringe kann noch nachgespürt werden. Wie auf dem Mount Victoria in Wellington, wo sich die Hobbits im ersten Teil unter einem Baum vor den Ringwächtern versteckten. Oder wie auch im Chocolate Star Fish Café, wo zwar keine Orks oder Hobbits auftauchten, aber Schauspieler gern Eier mit Speck aßen. Oder wie in Upper Hutt bei Wellington. Wayne Guppy ist Bürgermeister des ärmlichen Städtchens vor Wellington. Er hatte das Glück, dass gleich drei Szenen für "Herr der Ringe" in seiner Gemeinde gedreht wurden, so etwa die Schlacht von Helms Deep oder die im Elfenland Rivendell. "Sehen Sie, wir hatten einen Amerikaner, der nur wegen des Films zwei Wochen hier geblieben ist, obwohl es bei uns wirklich nicht viel zu sehen gibt. Verstehen Sie das?" Um das zu verstehen, muss man wieder nach Wellington fahren - zu Weta.

"Willkommen im Land der Orks"

Das Schild an der Studiotür sagt: "Willkommen im Land der Orks". Ob das wirklich nett gemeint ist? Richard Taylor öffnet die Tür. Modergeruch zieht in die Nase. Im fahlen Licht dämmern die Konturen einer großen Gestalt. Ein Ork. Stumm, still steht er da - wie ein museales Ausstellungsstück. Gott sei Dank, denkt man doch an den schlechten Geruch, den die Kreatur sonst so verbreitet. Es ist nur eine Puppe in der Waffenkammer von "Herr der Ringe". Armbrüste, Schwerter, Kettenhemden, Rüstungen, Dolche, alles liebevoll verziert. Kein Teil gleicht dem anderen. Nur die deutschen Wehrmachtshelme scheinen nicht von dieser Welt. Willkommen bei Weta, dem Zauberkasten des "Herr der Ringe", und Richard Taylor.

Der hünenhafte Hausherr ist der Chef von Weta, der Trickfirma, die unter anderem 1200 Rüstungen und 2000 Waffen in vier Jahren bastelte und dem Epos sein Gesicht gab. Und er ist der Boss von Weta digital, die Tochterfirma für digitale Tricktechnik, bei der Gollum laufen lernte. Taylor trägt einen Arbeitsanzug, Gummistiefel, seine große, runde John-Lennon-Brille sitzt etwas schief. Wenn er redet, wirbeln seine großen, schmutzigen Hände. Er sieht aus wie ein Gruselmann aus einem Horror-Film, eine komische Figur, aber nicht wie der Chef der weltweit zweitgrößten Trickkiste für digitale Film-Zaubereien und -Modelle.

Traum aus der Filmfabrik entstand in einem unaufgeräumten Hinterzimmer

1991 entstand Weta, wie alle Träume aus der Filmfabrik, in einem unaufgeräumten Hinterzimmer. Irgendwo in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington, das bis Ende der 80er nur Freaks kreativer Kino-Blutorgien ein Begriff war. Der Regisseur Peter Jackson verschüttete damals tausende Liter Blut in dem Kult-Splattermovie "Braindead" (1992) oder zerhackte Jim Hensons Muppet-Mythos in der dunklen Drugs-, Sex and Crime-Puppenstory "Meet the Feebles" (1989).

"Wissen Sie, Wellington ist nicht sonderlich groß, und irgendwann hörten meine Freundin und ich, dass es da einen ähnlich Verrückten gab, der in seinem Zimmer saß und verrückte Tricksereien bastelte", sagt Taylor. Hollywood fand Mitte der 90er-Jahre Gefallen an den komischen Vögeln. Neuseeland ist wegen günstiger Drehbedingungen in das Blickfeld der Filmindustrie gerückt. Auch Tom Cruise' neuer Film "Der letzte Samurai" wurde dort gedreht.

Taylor nimmt ein reich verziertes Schwert in die Hand, schwingt es einige Male. Es ist die Waffe Aragorns. Schmied Peter Lyon schaut zu. "Tolkiens Welt ist eine der Individualisten und Helden. Also brauchen die alle ihre wiedererkennbaren Accessoires. Man muss auf solche Kleinigkeiten achten. Das ist dem Zuschauer wichtig. Deshalb haben wir mit alten Handwerksmethoden gearbeitet." Ein Teil der Ringe-Sammlung war in diesem Jahr im Nationalmuseum Te Papa in Wellington ausgestellt. Mit Rekordbesucherzahlen. Die gleiche Ausstellung ist im Moment in London zu sehen.

38 Schiffscontainer mit begehrten Reliquien

Wer weiß, was wahre Fans für ein Ork-Ohr oder Hobbit-Füße von Weta zahlen würden? Taylor hat aber andere Pläne mit den begehrten Reliquien: "Wir haben 38 Schiffscontainer mit Gerümpel. Irgendwann bauen wir ein Museum in der Pampa, nur für den Herrn der Ringe." Die Tolkien-Jünger auf der ganzen Welt werden sich freuen. Endlich werden Pilgerfahrten zum Tempel des Herrn der Ringe möglich sein. Aber eigentlich steht der in Miramar, Wellington.

Weta steht in der Camperdown Street. Nichts deutet auf einen neuseeländischen Traum hin. Eine normale Straße in Neuseeland, einstöckige Bungalows auf der einen Seite, auf der anderen große Lagerhallen. "Als wir das erste Mal einen dieser riesigen Kriegselefanten auf einem Truck durch die Straßen gefahren haben, da standen die Kinder an der Straße und staunten Bauklötze", sagt Taylor. "Heute interessiert das keinen mehr."

Gedreht wurde im ganzen Land

Die Studios für "Herr der Ringe" waren in ganz Miramar verstreut. Schlösser hier, Schlachtfelder da. Und: Gedreht wurde im ganzen Land. Weta hat sich in Hollywood etabliert, King Kong ist das nächste große Projekt, für "Der letzte Samurai" haben die 80 Mitarbeiter Waffen und Rüstungen gebastelt. Und sonst verdient Weta Geld mit "Herr der Ringe"-Souvenirs. In einem Raum basteln gleich drei an einer großen Gollum-Figur. "Die hat ein chinesischer Geschäftsmann für seinen Garten bestellt", sagt Taylor, und irgendwie klingt das selbstverständlich.

Ein kalter Wind zieht durch die Stadt der Winde. Orks und Krieger aus Gondor trotten vorbei, trinken Cola oder essen Pommes. Jackson hat zum Nachdreh gerufen. Merry und Pippin sollen im Schlachtgetümmel vor einem gewaltigen Kriegselefanten noch einmal alles geben. Peter Jackson, wie immer in Shorts und Daunenjacke, dirigiert die Kamera.

"Wir haben beim Schneiden fest gestellt, dass wir aus manchen Szenen noch vieles rausholen können", sagt er. "Die Charaktere sollen so noch mehr Tiefe bekommen." Über drei Stunden wird der letzte Teil, der am 17. Dezember in die österreichischen Kinos kommt, nun lang sein. Für Jackson stand immer schon fest: "Der dritte, das ist mein absoluter Lieblingsfilm. Da hatten wir die nötige Erfahrung. Und wir können nun alles auffahren, was wir haben. Zudem haben wir den Erfolg der ersten beiden Filme im Nacken."

Multimillionär Jackson: Hollywoods Glanz und Glorie müssen künftig anders aussehen ...

Jackson ist durch die Filme zum Multimillionär geworden, 872 Millionen hat der zweite, 870 Millionen US-Dollar der erste Film eingespielt. Man sagt, Jackson fahre noch auf seinem Rad zur Arbeit, er habe nur einen alten Mercedes-Kombi und einen schlechten Geschmack für Wohnungseinrichtungen.

Wenn dieser Mann mit dem kugelrunden Bauch, der breiten Nase, den lockigen, langen Haaren vor einem steht und man sich Richard Taylor in seinen Gummistiefeln dazu denkt, dann weiß man: Hollywoods Glanz und Glorie müssen künftig anders aussehen. Hollywoods Glanz und Glorie stehen bei Weta in einer schmalen Glasvitrine in einem unaufgeräumten Büro. Kein roter Teppich, kein Samt, keine Halogen-Sonderbestrahlung für die beiden Oscars, die Weta 2002 und 2003 für die Spezialeffekte in "Herr der Ringe" bekam.

Man meint gar, da liege eine hauchdünne Staubschicht auf dem Gold, das doch glänzen sollte. "Hier, wollen Sie einmal den Oscar halten?" Taylor holt die Statue aus dem Schrank. "Wollen Sie ein Foto machen? In der Bedienungsanleitung zur Statue steht zwar, dass man das nicht dürfe. Aber Spaß muss sein." (DER STANDARD, rondo/05/12/2003)

Von Ingo Petz

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Science Museum in London

Die Ausstellung zur Trilogie ist noch bis 11. 1. 2004 im Science Museum in London zu sehen.

Der Kinostart von "Die Rückkehr des Königs" ist in Österreich am 17. Dezember.

Ansichtssache

Ein Kultur-Spezial zur Premiere von "Herr der Ringe III"

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