Gewalt in der Beziehung ist nicht Privatsache

5. Dezember 2003, 23:04
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Wenn "nur" die flache Hand ausrutscht, fühlt sich die Polizei nicht zuständig - Drei-Länder-Projekt will klare Grenzen setzen

Bregenz - Eine verzweifelte Frau sucht Hilfe bei der Polizei. Sie wurde von ihrem Ehemann geschlagen. "Mit der Faust oder mit der flachen Hand?", fragt der Beamte. Denn wenn einem "nur" die flache Hand ausrutsche, fühle sich die Polizei nicht zuständig. Der Hausarzt reagiert auf Hämatome mit Psychopharmaka. Fallbeispiele aus Vorarlberg, Liechtenstein und der Schweiz zeigen, dass Gewalt in der Partnerschaft immer noch als Privatsache gilt.

Mit der Studie "Gewalt hat (k)ein Zuhause" wurde der Bewusstseinstand der Vorarlberger, Liechtensteiner und Graubündner Bevölkerung zum Problemkreis Gewalt in Ehe und Partnerschaft erhoben.

Andere Wertvorstellungen

Die Soziologin Erika Geser-Engleitner versuchte durch eine repräsentative Umfrage und eine Analyse von Fallbeispielen, die Interpretation des Gewaltbegriffes zu ergründen. Geser-Engleitner: "Trotz geringer räumlicher Distanz sind andere Wertvorstellungen vorhanden." Körperliche Gewalt ist für 95 Prozent der Liechtensteiner und Liechtensteinerinnen, 91 Prozent der Vorarlberger und Vorarlbergerinnen, aber nur 87 Prozent der Graubündner und Graubündnerinnen verpönt.

Psychische Gewalt

Der Zwang zu Sex ist für 85 Prozent Gewalt. Massive Drohungen werden nur von 70 Prozent als Gewaltakte eingestuft, Telefonterror von 17 Prozent; Abwertungen und Beschimpfungen sind für die Befragten keine eindeutige Gewalt. Wenig Bewusstsein besteht zum Problem der ökonomischen Gewalt. Muss die Partnerin ihr Einkommen abliefern, empfinden das nur 35 Prozent als Gewalt. Hält der Partner sein Einkommen geheim, halten das nur 13 Prozent für psychische Gewalt. Isolation durch Kontaktverbote bewerten 45 Prozent als Gewalt.

Die Studie ist Teil des Interreg-Projektes "Grenzen überschreiten - Grenzen setzen". Die Ergebnisse werden nun zwecks Enttabuisierung in den einzelnen Talschaften präsentiert, ein Leitfaden für Angehörige von Gewaltopfern soll erarbeitet werden. (jub, DER STANDARD Printausgabe 4.12.2003)

  • Körperliche Gewalt ist nur für 87 Prozent der Graubündner und Graubündnerinnen verpönt

    Körperliche Gewalt ist nur für 87 Prozent der Graubündner und Graubündnerinnen verpönt

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