Das Schatzkästlein vom Berg

6. Dezember 2003, 19:46
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Skiläuferin Michaela Dorfmeister über das Leben miteinander und gegeneinander

Johann Skocek aus Lake Louise

Manch ein Knopf ist nicht zum Annähen, sondern zum Entwirren. Nach dem einhelligen Urteil Michaela Dorfmeisters und Herbert Mandls, ihres Cheftrainers, befindet sich solch ein Knopf derzeit in der Gegend von Dorfmeisters Seele-Kopf-Bereich. "Ich weiß nicht, vielleicht muss ich alter Depp mir selber noch was beweisen, jedenfalls setze ich mich zu Saisonbeginn zu sehr unter Druck. Das war im letzten Jahr schon so."

Die Gesamtweltcupsiegerin von 2002 und Super-G-Weltmeisterin von St. Moritz lieferte in den Riesenslaloms von Sölden (27., Siegerin Martina Ertl) und Park City (26., Siegerin Anja Pärson) Ergebnisse ab, die nicht zuletzt sie selber enttäuschten. "Ich probiere im Rennen Dinge, die ich im Training nicht probiere."

Kein Heuler

Der Überehrgeiz soll sich in der Abfahrt vom Freitag lösen, "die Gelassenheit und die Sicherheit sollen zurückkommen". Die Abfahrt in Lake Louise, von vielen Läuferinnen als nicht gerade ein Heuler bezeichnet, gefällt Dorfmeister nicht schlecht. "Auch wenn sie immer gerader wird." Renate Götschl, selber nicht gerade toll in Form, prophezeite nach dem ersten Übungslauf: "Wenn es auch noch schneit, bist besser ein paar Zentimeter kleiner und ein paar Kilo schwerer."

Dortmeister und Kolleginnen sind seit 13. November auf der Tour, das Wanderleben muss man mögen, sagt sie. "Wenn ich nach drei, vier Tagen die Monotonie merke, gehe ich mit der Gitti weg. Shoppen, essen." Bei der Rückkehr zum Team spürt das entspannte Duo Dorfmeister-Obermoser dann die in der Gruppe quasi rundlaufenden Spannungen noch mehr.

Schneeprobleme und organisatorische Patzer

Dazu kommen die im Damenteam auch registrierten Schwierigkeiten der FIS und der Veranstalter, die durch Schneeprobleme und organisatorische Patzer hier und dort (Lech, Slowakei, Tschechien) bedrohte Damentour ohne Schaden durchzuziehen. Dorfmeister: "Ich bin froh, dass ich jetzt fahre und nicht in zehn Jahren." Von Jahr zu Jahr falle es vor allem jungen Läuferinnen schwerer, Einzelsponsoren über die vom ÖSV kontaktierten Firmen hinaus aufzutreiben. Dorfmeister spricht für die anderen: "Ich weiß ungefähr, was ich wert bin, wenn ich damit überbleibe, ist das nicht lustig."

Parallel entwickelt sich der Damenrennsport sprunghaft, neue Abfahrtsskier (Radius 45 m statt 40) machen die Sache noch rasanter. Auch hilft der Know-how-Transfer von Alt zu Jung, den es früher laut Dorfmeister nicht so gegeben hat. "Die Barbara Sadleder war meine Vertraute. Wenn eine Junge zu mir kommt, helfe ich ihr auch, da fühle ich mich fast geehrt." Sie mache auch kein Geheimnis aus ihrem Wissensschatz, früher sei es schon einmal vorgekommen, dass junge, nachdrängende Konkurrentinnen von anderen Kolleginnen mit irreleitenden Tipps quasi in die Garage geschickt wurden. "Das ist viel besser geworden", sagt sie.

Heuer will sie den Super-G-Weltcup, weil "mir der fehlt". Der Gesamtweltcup sei kein Thema, "solange ich nicht in drei Disziplinen aufs Stockerl komme". Aber wer weiß, was jenseits des großen Knopfes alles passieren kann. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 4. Dezember 2003)

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