Studie gegen Willen der EU veröffentlicht

7. Dezember 2003, 20:25

Cohn-Bendit und WJC stellen Text ins Internet - mit Studie zum Download

Wien - Der grüne EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit hat, gemeinsam mit dem World Jewish Congress (WJC), eine umstrittene EU-Studie über Antisemitismus in Europa auf seiner Website zugänglich gemacht. Die in Wien ansässige "EU-Beobachtungsstelle für Rassismus und Xenophobie" (EUMC) hatte die Untersuchung beim Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) in Berlin in Auftrag gegeben, sie dann aber wegen angeblicher wissenschaftlicher Mängel nicht veröffentlicht.

In der darauf folgenden Kontroverse wurde der Verdacht laut, die Studie sei aus Gründen der politischen Korrektheit in der Schublade gelandet: Weil Mitglieder des EUMC-Verwaltungsrates befürchtet hätten, die Erwähnung muslimischer Gewaltakte gegen Juden könnte "aufrührerisch" wirken.

An der Frontstellung zwischen EUMC und ZfA ändere die Publikation nichts Grundsätzliches, meint Daniel Cohn-Bendit zum STANDARD. Es sei aber fatal, wenn über eine Sache diskutiert werde, die niemand kenne. Daher habe er die Studie veröffentlicht.

Cohn-Bendit glaubt generell, dass die Debatte einen irrigen Verlauf genommen habe. Es sei doch "kein Drama", wenn darauf hingewiesen werde, dass es auch verarmte Einwanderer aus Nordafrika gebe, die sich gewalttätiger Übergriffe gegen Juden schuldig machten. "Natürlich kann auch jemand Opfer und Täter zugleich sein. Ein antisemitischer Arbeitsloser im Dritten Reich ist ja auch Opfer und Täter zugleich gewesen."

Auch Werner Bergmann vom ZfA, einer der Studienautoren, findet die Veröffentlichung positiv. "Am Ball ist jetzt die Öffentlichkeit, die kann jetzt selbst entscheiden." Für Bergmann sei die Debatte falsch gelaufen, weil sie zu Unrecht auf den Aspekt muslimischer Gewalt gegen Juden eingeengt worden sei. "Gerade jetzt habe ich einen Brief von einem arabischen Kollegen bekommen, der mich deswegen beschimpft." Tatsächlich habe aber sich das ZfA nie auf diesen Täterkreis beschränkt.

Zur Kooperation seines Institutes mit der EUMC meint Bergmann, diese sei "immer konflikthaft" gewesen. Gespießt habe es sich vor allem bei den Auffassungen darüber, wo legitime Israel-Kritik und Antisemitismus sich scheiden. Zudem beklagt Bergmann einen "Strukturmangel des EUMC": dass nämlich die Experten im EUMC-Verwaltungsrat politisch agierten und danach trachteten, die Situation in ihren Herkunftsländern möglichst positiv darzustellen.

Dem wiederum widerspricht EUMC-Chefin Beate Winkler energisch: "Wie will Herr Bergmann das sagen können? Er war ja noch nie bei einer Sitzung des Verwaltungsrates dabei." Sie sei nie daran interessiert gewesen, muslimische Gewalt gegen Juden unter den Teppich zu kehren, im letzten Jahr habe sie dieses Faktum bei einer Rede in Frankreich sogar ausdrücklich erwähnt. Die EUMC will den von Cohn-Bendit publizierten Bericht bis Donnerstag nun auch selbst - mit eigenen kritischen Anmerkungen - auf ihre Website stellen.

Cohn-Bendit wiederum kann der Argumentation der EUMC nichts abgewinnen, die Studie sei empirisch unzureichend gewesen: "Wenn in Schweden Lehrer nicht über den Holocaust reden, weil sie fürchten müssen, physisch attackiert zu werden, oder wenn in Frankreich junge Juden aus demselben Grund nicht mehr mit der Kippa auf die Straße können, dann ist das schon eine Basis, auf der man diskutieren kann. Man muss ja nicht warten, bis fünf Millionen betroffen sind." (DER STANDARD, Printausgabe, 4.12.2003)

Von Christoph Winder

Links

derStandard.at-Weblog: "EU-Antisemitismus- Studie veröffentlicht"

"Auszüge der Antisemitismus-Studie über Österreich"

Conseil représentatif des Institutions juives de France

Cohn-Bendit.de

European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC)

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  • EUMC-Studie: "Antisemitismus in der EU"

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    Nach einem antisemitischen Vandalenakt: Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Strassburg besichtigen die Schäden auf dem Friedhof (Archivfoto, April 2002).

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