Jedem Wiener seine Punsch-Hütte?

3. Dezember 2003, 16:23
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Irgendwann muss die absolute Sättigung mit diesen Holzhütten, in denen der warme Fusel verabreicht wird, doch einmal erreicht sein, oder?

Kaum zu glauben, aber es ist noch schlimmer geworden. War die Situation voriges Jahr schon sehr knapp an der Unerträglichkeit, so wird diese feine Grenze heuer mit beiden Füßen schwer übertreten: Die Adventmarktitis und mit ihr die Punschhüttose hat Wien dermaßen grausam eingenommen, dass einem echt nur schlecht werden kann. Wenn man von der Freyung zum Stephansplatz gehen will, hat man gerade einmal vierzig Meter öffentliche Straßenfläche, an der weder Auge noch Nase mit dieser unsäglichen Verhüttelung und Verpunschung beleidigt werden; der siebente Bezirk muss ohnehin weiträumig umgangen werden, da hier die besinnliche Spittelberg-Krankheit grassiert, auf der Mariahilferstraße herrscht des Samstags Ausnahmezustand und Advent-Recht, traurig, aber wahr, und jetzt hat man sogar den Karlsplatz mit etwa 4000 Hütten zugesch ... äh ... aufelt, in denen man kräftig geselchten Speck vom schönen Land, grob gewirktes Strickzeug vom Land, biologische Bienenwachsduftkerzen vom Land und selbstverständlich hektoliterweise diesen warmen G’schladern aufs Aug‘ gedrückt bekommt. Jede Verkehrsinsel dient mittlerweile dazu, industrielle Fruchtsaft-Alkohol-Mixturen aus dem Container an Mann, Frau und Kind zu bekommen, und irgendwie glaube ich, das kann nicht wirklich im Sinne der Volksgesundheit sein.

Im Sommer befand irgendein Magistrat der Stadt Wien urplötzlich, dass es jetzt aber echt genug Schanigärten in der Stadt gäbe, und dass damit jetzt Schluss sein müsse. Nicht ganz einzusehen angesichts der Tatsache, dass wir den heißesten und längsten Sommer seit dem Jahr 1376 hatten, und es bei solch einer Witterung nicht wirklich einen Grund gibt, sein kühles Bier, sein erfrischend Mineral, den belebenden Espresso oder das prickelnde Glas Wein drinnen zu verzehren. Okay, jetzt ist offensichtlich wieder alles anders, und auch wenn’s jetzt nebelt, stürmt, saukalt und echt grauslich draußen ist, sollen die Leute raus auf die Straße und sich dort mit Kanisterware zudröhnen, und zwar an jeder nur denkbaren Ecke, wie es scheint. Wer profitiert davon? Die Getränkeindustrie, die Hütten-Hersteller, sonst eigentlich niemand. Denn dass Wien an Ruf als qualitative Tourismus-Destination gewinnt, ist nur schwer vorzustellen (okay, in Ländern mit Prohibition oder enorm hohen Alkohol-Preisen vielleicht); dass all die Reingewinne an caritative Organisationen gehen, kann ich mir angesichts einer eher lockeren Buchhaltung der Standler auch nicht wirklich vorstellen, abgesehen davon ist es einfach ein bisschen seltsam, sich zugunsten behinderter Kinder zum Trottel zu saufen, finde ich; ah ja, und dass das Finanzamt viel von den grau-schwarzen Umsätzen der Punsch-Hütten mitbekommt, kann man auch mal bezweifeln, aber das ist wahrscheinlich noch der am wenigsten schwer wiegende Punkt.

Ich weiß, der Ruf nach Regulierung und Verordnung kommt hier im Forum nicht so gut. Gemeinwesen bedeutet aber eben auch, mittels Autorität die Mitglieder der Gesellschaft vor Gefahr und Unbill zu schützen, vor allem vor grenzenloser Geschäftemacherei und ungezügeltem Kleinkapitalismus. Her mit der Punschhütten-Verordnung, ich fordere eine Reduktion auf ein vernünftiges Maß (drei pro Bezirk), Verbannung sämtlicher Adventmärkte auf freie Flächen außerhalb des verbauten Stadtgebietes, aufgelassene Rollbahnen oder Großparkplätze niederösterreichischer Einkaufszentren und Nutzung der so beruhigten Straßen je nach Hangneigung als Rodelstrecke oder Eislaufplatz!

von Florian Holzer
  • Artikelbild
    foto: m. cremer
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