Biotechnologie: "Nicht nur Risken betonen"

8. Dezember 2003, 18:44
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Krebsimpfstoffe, Embryoforschung, Gentechnik in der Landwirtschaft und Kritik bei Europas größter Biotechmesse in Wien

Wien – Leigh Dwyer ist gespannt. Für den Australier ist die für Mittwoch erwartete Abstimmung des EU-Ministerrats über die Förderung von Forschungen an embryonalen Stammzellen fast ebenso wichtig wie für europäische Wissenschafter.

Leigh Dwyer arbeitet für "Invest Australia", einer von der australischen Regierung zum Ausbau internationaler Forschungsprojekte beauftragten Gesellschaft. Deshalb kam er Dienstag nach Wien. Zur "Cordia – EuropaBio Convention 2003", der größten europäischen Fachmesse für rote (Medizin) und grüne (Landwirtschaft) Biotechnologie, die noch bis Donnerstag am Messegelände stattfindet.

Partner gesucht

Leigh Dwyer sucht EU-Partner für Australiens Embryonenforschung. "Das ist derzeit recht schwer. Wenn das Förderungsmoratorium aufrecht bleibt, wird es nicht besser." Andernfalls, hofft er, würden sich bald auch entsprechende nationale Gesetze ändern – in den meisten EU-Staaten ist die Herstellung der Zellen illegal.

Australien hat in den vergangenen zwei Jahren zehn embryonale Stammzelllinien entwickelt. Und exportiert die ethisch umstrittenen Zellen auch in jene Länder, die keine embryonalen Stammzellen herstellen dürfen. Etwa nach Deutschland. Das Dilemma für jene Länder: "Die Verträge sind so konzipiert, dass die Forschungsergebnisse, die Patente oder auch die dadurch erzielten Erträge mit dem Stammzell-Herstellerland, in dem Fall Australien, geteilt werden müssen", so Dwyer.

"Wissenschaftlicher Nachteil"

Neben dem wirtschaftlichen hätten die Länder, in denen derartige Forschung verboten ist, auch einen wissenschaftlichen Nachteil. "Solange Europa diskutiert, ob es ethisch vertretbar ist, die bei der künstlichen Befruchtung übrig gebliebenen Embryonen, die nach einer gewissen Zeit in den Mistkübel geworfen werden müssen, zu beforschen, so lange gibt es keine entsprechende Entwicklung."

25 Prozent aller im Vorjahr publizierten Arbeiten über embryonale Stammzellen stammten bereits aus Australien. Es bestünden zahlreiche finanzträchtige Forschungsprojekte mit Israel, Singapur und den USA, innerhalb der EU nur mit Großbritannien, wo Embryonenforschung erlaubt ist. "Hier steckt enormes Entwicklungspotenzial drin", meinte Dwyer: "Höchste Zeit, dass die EU mitmacht."

Embryonenforschung ist jedoch nur ein kleiner Teil der roten Gen- und Biotechnologie. Das Gros der medizinischen Produkte aus diesem Bereich (siehe Grafik) sind gentechnisch erzeugte Proteine – vom Insulin (vor 21 Jahren das weltweit erste zugelassene Biotech-Arzneimittel) bis zu monoklonalen Antikörpern zur Krebsimpfung (der Standard berichtete). Vorteile und Nutzen der Biotechnologie für die Medizin – mit Ausnahme der Stammzellen – werden in der Öffentlichkeit inzwischen anerkannt, ethische Bedenken kaum geäußert. Anders verhält es sich bei der grünen Biotechnologie, wenngleich Technik und Prinzip exakt dieselben sind.

"Nicht blockieren"

Die irische Vizepremierministerin Mary Harney meinte Dienstag bei der Eröffnung der Cordia: "Wir sollten die ethischen Fragen der Biotechnologie diskutieren. Wir sollten aber die Entwicklung nicht blockieren, nur weil wir die politischen Entscheidungen auf diesem Gebiet nicht hinkriegen." Unterstützung erhielt sie von Cordia-Vorsitzender Feike Sijbesma: "Man sollte nicht immer nur die Risken, sondern auch die Möglichkeiten der Biotechnologie betonen." In der Medizin rettete sie täglich Millionen Leben, daher sollte auch in der Landwirtschaft eine rationalere Betrachtung der Möglichkeiten der Biotechnologie erfolgen.

Das ist auch Greenpeace ein Anliegen, daher veröffentlichte die Umweltschutzorganisation zum Auftakt der Cordia die Ergebnisse einer Studie aus Ungarn: Jede fünfte Raupe der Schmetterlingsart "Tagpfauenauge" stirbt, wenn sie Pollen von Genmais frisst. Die überlebenden Raupen entwickeln sich langsamer.

"Fahrlässigkeit"

Der vom US-Biotechunternehmen Monsanto gezüchtete Mais "Mon810" ist in der EU erlaubt. "Die Forschungsergebnisse belegen die Fahrlässigkeit, mit der Gentech-Pflanzen ohne Untersuchung der ökologischen Auswirkungen zugelassen werden", betonte Molekularbiologin Susanne Fromwald. In wenigen Tagen will Brüssel über eine weitere Sorte entscheiden: "Bt11".

Frühere Bt-Sorten – Pflanzen, die ein für Insekten giftiges Enzym aus dem Bacillus thuringensis produzieren, dessen entsprechendes Gen dem Erbgut der Pflanzen eingesetzt wurde – wurden in den USA vom Markt genommen, weil zu viele Monarchfalter daran starben. Doch auch die neue Generation von Bt-Mais stelle ein Umweltrisiko dar, obwohl sie nur ein Zehntel des Gifts produziere, argwöhnte Fromwald. In Österreich sind Import und Anbau von Genmais verboten. (east, fei, DER STANDARD, Print, 03.12.2003)

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    Tagpfauenaugen sind laut Greenpeace-Studie von Gentech-Mais bedroht. Auf der "Cordia" in Wien werden Entwicklungen der Biotechnologie diskutiert und präsentiert.

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