Hormonersatz: Frauen steigen aus

5. Dezember 2003, 22:41
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Individuelle Behandlung bei klimakterischen Beschwerden soll Risiken minimieren

Wien - Der Umsatz mit Präparaten für den Hormonersatz in der Menopause ist um ein Drittel gesunken, berichtete der Pharmakonzern Schering am Montag. Die Frauen steigen aus der Hormonersatztherapie aus. Der Grund dafür dürften die kontrovers diskutierten Risiken seien.

Im Vorfeld des Internationalen Menopause-Kongresses in Wien hatten Fachleute zunächst vor einem erhöhten Brustkrebsrisiko gewarnt. Die US-Women's Health Initiative Study (WHI) und eine britische Untersuchung mit einer Million Teilnehmerinnen zeigten, dass Frauen, die gängige Hormonersatztherapie Tibolon einnehmen, ein höheres Brustkrebsrisiko haben (der STANDARD berichtete).

Nun aber machen Österreichs Stoffwechselexperten auf eine weitere lebensgefährliche Nebenwirkung hormonähnlicher Substanzen aufmerksam. "Auch aus der Sicht der Arterioskleroseforschung birgt diese Therapie ein großes Risiko und sollte im Hinblick auf die fatalen Gefäßfolgen nicht mehr angewandt werden", erklärte der Arterioskleroseforscher Helmut Sinzinger. Wenn eine Frau mehr als fünf Jahre eine Hormonersatztherapie gehabt habe, sei ihr Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, um 31 Prozent, ihr Risiko eines Herzinfarktes um 24 Prozent höher. "Das heißt, sieben von 10.000 Frauen bekommen infolge einer Hormonersatztherapie einen Schlaganfall, sechs von 10.000 einen Herzinfarkt", rechnet er vor. Am größten sei die Gefahr im ersten Jahr der Hormoneinnahme: Hier steige das Herzinfarktrisiko um 81 Prozent.

Spezifische Arzneien

Die Zukunft liege in einer individuellen Betreuung der Frauen mit möglichst spezifischen Medikamenten, erklärten Experten Montag bei einem Workshop der Internationalen Menopause-Gesellschaft in der Hofburg. "Wir müssen uns jetzt fragen, ob alle Hormonpräparate wirklich gleich sind. Ich sage dazu ganz klar: "Nein", betonte die Zürcher Spezialistin Eva Lang. Es ginge nicht mehr, dass 90 Prozent der Frauen einfach Tibolon verschrieben bekommen, ohne dass darauf geachtet würde, ob die Frauen krebsfährdet seinen oder nicht.

Rolf Schürmann von Schering hält Hormonsubstitution "für die wirksamste Methode zur Behandlung klimakterischer Beschwerden." Es müsse jedoch eine möglichst geringe Dosierung überlegt werden. Bereits bei Knochenschwund habe man erkannt, dass zur dessen Vorbeugung wesentlich geringere Hormondosierungen reichen als zuvor angenommen. Die US-Arzneimittelentwicklerin Vanaja Ragavan von Novartis sieht einen akuten Bedarf an mehr Grundlagenforschung für Innovation: "Wir wissen nicht viel, warum es in der Menopause zu Hitzewallugnen kommt", sagt Ragavan. (east/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 12. 2003)

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