Herbergen für Unbehauste

6. Dezember 2003, 00:20
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Die bis dato unbekannte deutsche Autorin Groß-Striffler erhielt den Alfred-Döblin-Literaturpreis - Im Herbst erschienen zwei Romane

Im Frühjahr erhielt die bis dato unbekannte deutsche Autorin Kathrin Groß-Striffler den renommierten Alfred-Döblin-Literaturpreis. Im Herbst erschienen gleich zwei Romane: "Das Gut" und "Die Hütte". Heute Abend liest sie aus beiden in der Alten Schmiede in Wien.


Wien - Wohl behaust präsentieren sich die Textwelten der deutschen Autorin Kathrin Groß-Striffler. Das Gut und Die Hütte - titelgebende Bauwerke errichten ihrem doppelten Roman-Debüt einen Schutzwall gegen die Außenwelt. Hinter den bergenden Mauern, die sie ihnen erbaut, entblößt Groß-Striffler, so unerbittlich wie vorsichtig, alsdann die unbehausten Innenwelten ihrer Bewohner.

Beide Bücher erschienen nun, nahezu zeitgleich, in konkurrierenden Verlagen. Das ungewöhnliche Vorgehen hat einen Grund: Als Kathrin Groß-Striffler im Frühling dieses Jahres mit dem renommierten Alfred-Döblin-Literaturpreis für Die Hütte ausgezeichnet wurde, suchte man vergeblich nach einer Veröffentlichung der Autorin.

Doppelte Begegnung

Reclam Leipzig hatte ihr erstes Buch, Das Gut, zwar bereits für das Herbstprogramm in Planung, wollte jedoch trotz der Auszeichnung nicht mit zwei Titeln parallel erscheinen. Also sprang der Aufbau Verlag ein und brachte Die Hütte heraus. Was dem Leser nun den Genuss verschafft, die Autorin zwar mit sechsmonatiger Verzögerung, dafür aber doppelt kennen lernen zu können.

Eigentümlich altmodisch, wie die Gebäude, die in seinem Zentrum stehen, präsentiert sich der luftige 150 Seiten kurze Roman Das Gut. Ein herrschaftlicher Hof im Norden Deutschlands, seit Generationen bewirtschaftet von einer Dynastie alten Adels, unschuldige Liebe, Fuchsjagd, geschwisterlicher Zwist: Die Ingredienzien des Textes lesen sich, als seien sie einer Kitsch-Schmonzette des neunzehnten Jahrhunderts entlehnt.

Allein - Groß-Striffler bedient sich, sichtlich liebevoll und kundig zumal in landwirtschaftlichen Details, des feudalen Ambientes, um im Zusammenprall mit der Gegenwart dessen düstere Kehrseiten aufzuzeigen: Verknöcherung, Dünkel, die erdrückende Übermacht der Etikette, einer Form-Hülse, unter der die Mitglieder der Familie innerlich vertrocknen.

Kurze Kapitel, die den unterschiedlichsten Bewohnern des Hauses über vier Generationen hinweg gewidmet sind, deuten mehr an, als sie ausführen. Demütigungen werden auf Blicke beschränkt, Schwäche - und deren Verachtung - in wenigen Worten skizziert.

Fuchsjagd und Golf

Nicht immer bleibt das äußere Geschehen vor der Gefahr des Klischees gefeit: Verfall und Niedergang des Hauses zu inkarnieren etwa ist Malte ausersehen, der zu wenig Liebreiz begabte Erbe der dritten Generation. Mutwillig bricht jener mit den ideellen Gütern der Vergangenheit, zündet Teile des Guts einer zu erwartenden Versicherungssumme wegen an. Viehwirtschaft und Fuchsjagd weichen Ferienwohnungen, Camping-und Golfplatz.

Jene Außenbilder verblassen jedoch vor der psychologischen Präzision, mit der Groß-Striffler die feinen Verletzungen zu beschreiben weiß, die sich die Menschen, in ihren anerzogenen Zwängen verstrickt, lebenslang zuzufügen fast gezwungen scheinen.

Verletzungen sind es auch, die die Ich-Erzählerin ihres prämierten zweiten Romans in der titelgebenden Hütte in einem einsamen Winkel der USA Unterschlupf finden lassen. Erneut kontrastiert die beruhigende und angenehm kenntnisreich geschilderte Gegenwart von Landschaft und Tieren - die Erzählerin pflegt die Pferde des benachbarten Herrenhauses, in dem eine alte Dame samt Windhund residiert - die verunsicherten Innenwelten der Protagonistin.

Kindheitstraumata

Der lieblichen Kulisse ungeachtet, hallen in ihrem Inneren die Bilder der Vergangenheit nach: Bilder einer übereilt geschlossenen Ehe mit einem psychisch schwer gestörten Mann, vor dessen vermeintlicher Verfolgung sie sich verbirgt, Bilder verdrängter Kindheitstraumata, die in der Stille machtvoll aufbegehren.

Wie schon in ihrem ersten Roman erweist sich Kathrin Groß-Striffler, die spät erst, 48-jährig, mit ersten Werken an die Öffentlichkeit tritt, in Die Hütte mit ihrem zu äußerster Kargheit verdichteten, auf Aussparungen und Andeutungen reduzierten, parataktischen Stil als sensible Beobachterin der Mikrowelten der menschlichen Psyche.

Eine dritte Veröffentlichung ist übrigens bereits in Planung: Im kommenden Frühjahr will Reclam Leipzig, so ist zu erfahren, einen Band mit früheren Erzählungen der Autorin herausbringen. Heute, Dienstag, um 19.00 Uhr liest Kathrin Groß-Striffler in der Alten Schmiede in Wien (1., Schönlaterngasse 9) aus ihren Romanen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2003)

Von
Cornelia Niedermeier
  • Als "ein kleines Universum des un- 
bestimmten Verletztseins" wurde in der Laudatio zum Alfred-Döblin- 
Preis Kathrin Groß- 
Strifflers Roman 
"Die Hütte" bezeichnet.
    foto: reclam

    Als "ein kleines Universum des un- bestimmten Verletztseins" wurde in der Laudatio zum Alfred-Döblin- Preis Kathrin Groß- Strifflers Roman "Die Hütte" bezeichnet.

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