Kein Vertrauen in Besatzer

3. Dezember 2003, 09:10
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Erste repräsentative Befragung seit Kriegsende - Sicherheit größtes Problem - Keine Mehrheit für Demokratie

London/Wien - Erstmals seit Ende des Krieges im März ist im Irak wieder eine repräsentative Umfrage unter der Bevölkerung durchgeführt worden. Experten der britischen Universität Oxford befragten im Oktober und November in Zusammenarbeit mit einheimischen Wissenschaftlern etwa 3.200 Menschen im ganzen Land, teilte Oxford Research International am Montag in einer Aussendung mit. 79 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten kein Vertrauen in die von den USA angeführten Besatzungstruppen, während umgekehrt 70 Prozent den religiösen Führern des Landes vertrauen.

Geteilt ist das Bild hinsichtlich der irakischen Armee, der Polizei, den Ministerien und des von den USA eingesetzten Regierungsrates, denen je etwa die Hälfte der Befragten misstrauen oder vertrauen. Pessimistisch schätzen die Iraker ihre Zukunft ein. 36 Prozent der Befragten befürchten, dass das Land in den kommenden zwölf Monaten in Bürgerkrieg oder Chaos driften könnte. Für 15 Prozent wäre es "das Schlimmste", wenn die Besatzungstruppen nicht abzögen, während nur ein Prozent einen Abzug der Besatzer als schlechteste Sache ansehen.

Sicherheit und Infrastruktur

Als oberste Priorität sehen die Iraker die Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit in ihrem Land. 67 Prozent der Befragten äußerten sich in dieser Hinsicht, während neun Prozent die Herstellung der Infrastruktur und vier Prozent die Ankurbelung der Ölproduktion nannten. Der soziale Zusammenhalt im Land ist wegen der instabilen Situation im Land offenbar völlig verschwunden. So stimmten 90 Prozent der Befragten der Aussage zu, man müsse heutzutage "sehr vorsichtig" im Umgang mit anderen Menschen sein. Neben der Familie vertrauen die Iraker noch am stärksten ihrer Glaubensgemeinschaft (62 Prozent) oder Freunden (27 Prozent).

Die Umfrage ergab auch ein großes Desinteresse für Politik. 60 Prozent der Iraker gaben an, sie würden sich nicht für Politik interessieren, unter den Frauen sind es sogar 70 Prozent. 27 Prozent der Befragten sagten, sie würden nicht an einer Wahl teilnehmen, 77 Prozent würden sich keiner Partei anschließen, 69 Prozent niemals demonstrieren.

"Starker Führer"

Hinsichtlich der Präferenzen der Iraker für das künftige Regierungssystem ergab die Umfrage kein klares Bild. Zwar lehnten 95 Prozent der Befragten die Feststellung ab, die Demokratie sei ein westliches Konstrukt, das im Irak nicht funktioniere. Allerdings sprachen sich lediglich 35 Prozent für ein demokratisches System aus, während 29 Prozent gerne einen "starken Führer" hätten. Lediglich ein Prozent gab an, den Sturz des alten Regimes zu bedauern. Nur 29 Prozent äußerten eine Parteipräferenz, wobei insgesamt 38 Gruppierungen erwähnt wurden.

Die Iraker sind trotz des Krieges und der Nachkriegswirren "nicht besonders unglücklich" mit ihrem Leben. Auf einer Skala von eins bis zehn ergab die Umfrage ein Durchschnittsergebnis von 5,7, das ist deutlich mehr als Ländern wie Moldawien (3,7) oder Ukraine (4,0) und nur etwas weniger als Südkorea (6,0) oder Türkei (6,3). Das Durchschnittseinkommen in den erfassten Haushalten lag bei 124 US-Dollar (103,2 Euro) monatlich.

Die Umfrage wurde in 129 Orten durchgeführt, die auf zwölf der 18 Provinzen des Landes verteilt waren. Die Umfrageorte und die dort aufzusuchenden Haushalte wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Wie es in der Aussendung heißt, waren die 46 Wissenschaftler bei der Befragung großen Gefahren ausgesetzt, vor allem wegen der schlechten Sicherheitssituation. Zwei Wissenschaftler seien in Arbil und Basra verhaftet worden. (APA)

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    Proteste der irakischen Bevölkerung in Samarra nachdem angriff der US-Truppen, bei dem 54 Menschen starben

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