Streik im Nahverkehr lähmt Italien

2. Dezember 2003, 10:23
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Heute herrschen in Italien wieder "italienische" Zustände - Staatsanwälte leiteten Untersuchung gegen Gewerkschaften ein

Rom - Ein Streik im Nahverkehr hat am Montag die italienischen Städte lahm gelegt. Von 8.30 bis 16.30 Uhr traten die Bediensteten der lokalen Verkehrsbetriebe in den Arbeitsausstand, um auf Erneuerung ihrer Dienstverträge zu drängen. Fast 90 Prozent der rund 100.000 Arbeitnehmer der Verkehrsbetriebe schlossen sich dem Protest an, zu dem die stärksten Arbeitnehmerorganisationen aufgerufen hatten. Der Protest verursachte beträchtliche Probleme in allen größeren italienischen Städten. Zu einem Chaos kam es in Mailand, wo der Streik eine Stunde früher als geplant begann.

Wegen der unangemeldeten Vorverlegung der Protestaktion fanden Tausende von Pendlern die U-Bahn-Stationen versperrt und mussten sich im strömenden Regen zu Fuß oder per Autostopp auf den Weg zum Arbeitsplatz machen. Tausende von Fußgängern blockierten die Hauptverkehrsachsen Corso Buenos Aires und Corso Venezia. Dabei kam es zu Staus. Während die neunte UNO-Klimakonferenz eröffnet wurde, war in der 1,5 Millionen-Einwohner-Metropole kaum ein freies Taxi zu finden. Die Polizei war mit einer Flut von Anrufen wütender Fahrgäste befasst.

Untersuchung gegen die Gewerkschaften

Die Mailänder Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung gegen die Gewerkschaften ein. Auch die Konsumentenschutzverbände reichten Klagen gegen die Arbeitnehmerorganisationen ein. "Mailand hat wegen des vorzeitigen Beginns des Streiks einen enormen Schaden erlitten. Man kann die öffentlichen Verkehrsmittel einer europäischen Metropole nicht ohne Vorwarnung lahm legen", protestierte der Mailänder Bürgermeister, Gabriele Albertini.

Die Gewerkschaften, die vor Wochen zum Arbeitskampf für die Erneuerung der Dienstverträge aufgerufen hatten, wiesen die Verantwortung für das Chaos zurück. "Die Schuld für diese Lage ist den Verkehrsbetrieben zuzuschreiben, die seit Monaten die Verhandlungen zur Erneuerung des Arbeitsvertrags boykottieren", betonte Franco Fedele, Sprecher des Gewerkschaftsverbands Cgil. Der Cgil-Chef Guglielmo Epifani entschuldigte sich bei den Mailändern wegen der Vorlegung des Streikbeginns. "Die Arbeitnehmer sind aber wegen der Hinauszögerung der Verhandlungen um ihren Arbeitsvertrag so entrüstet, dass der Protest ausgeartet ist", betonte Epifani.

Erhebliche Probleme

Auch in den anderen italienischen Städten kam es wegen des Streiks zu erheblichen Problemen. Die Sperre der U-Bahn-Netze zwang viele Bürger in den Großstädten, mit Privatfahrzeugen zur Arbeit zu fahren. Die meisten Römer waren auf ihre eigenen Autos oder Mopeds angewiesen, um sich durch den schon an normalen Tagen chaotischen Stadtverkehr zu bewegen. Taxis waren wegen der großen Nachfrage kaum zu ergattern.

In Neapel organisierten Arbeitslose ein System von privaten Kleinbussen, das die öffentlichen Verkehrsmittel ersetzte. Die Fahrzeuge, die ohne Genehmigung der städtischen Behörden unterwegs waren, wurden von vielen Neapolitanern genützt, die über den Streik nicht informiert waren.

Auto immer attraktiver

Streiks im öffentlichen Verkehr sind für die Italiener keine Neuigkeit. Am Freitag war es zu einem vierstündigen Streik der Alitalia-Belegschaft gekommen. Am 9. Dezember muss man mit einem weiteren Streik im Flugverkehr rechnen. Am 11. Dezember ist eine 24-stündige Protestaktion der Eisenbahner geplant.

Kein Wunder, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Italien immer unpopulärer werden. Laut einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie des Umweltschutzverbands Legambiente verzichten Italiener im Gegensatz zu den meisten Europäern immer häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel zu Gunsten privater Fahrzeuge. Im Gegensatz zum europäischen Trend benutzen Italiener das Auto doppelt so oft wie vor 30 Jahren. Jeder verbringt durchschnittlich 56 Minuten pro Tag im Fahrzeug.(APA)

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    Ein Fahrgast wartet auf seinen Zug

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