"Gewalt wird von Männern begangen"

3. Dezember 2003, 07:00
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Zum 10. Todestag von Jill Tweedie, feministische Journalistin und Schriftstellerin

Die Engländerin Jill Tweedie war mehr als eine bedeutende Feministin, Journalistin und Autorin. Auch zehn Jahre nach ihrem Tod gilt sie als "Sprachrohr für Frauen", wie es ihre Kollegin Liz Forgan ausgedrückt hat. Frauen vieler Länder, weit über Großbritannien hinaus, hätten ihr "zu Tausenden" geschrieben und durch Tweedie den Mut gefasst, "den Tatsachen ihres Lebens ins Gesicht zu sehen" (zit. in Luise Pusch: Berühmte Frauen 2003).

Ihre, "die Herzen berührenden" Bücher machten sie bekannt. Insbesondere ihr bewegendstes Werk, "In the Name of Love", 1979 erstmals erschienen und eine "atemberaubende Sammlung von Beobachtungen über die Liebe, Sex, Männer und Frauen" wirft uns heute noch "aus den gewohnten Denkbahnen ... Jede Platitüde über Geschlechtsunterschiede wird zerschmettert, durch persönliche Anekdoten und Bekenntnisse, durch Anthropologie, Dichtung, Philosophie" (Liz Forgan zit. ebd.)

Wirklich berühmt wurde die englische Feministin, die am 12. November 69 Jahre alt geworden wäre, mit ihrem Ausspruch, dass "Gewalt nicht von der Allgemeinheit", sondern von Männern begangen würde. Damit löste sie einen neuerlichen Diskurs über genetisch/soziologische Determiniertheiten - "Aggressivität von Männern" versus "Friedfertigkeit von Frauen" - aus. Eine Diskussion, die auch in der aktuellen Gender-Debatte noch lange nicht abgeschlossen ist.

Eigene leidvolle Erfahrungen

In ihrer Autobiografie "Eating Children: Young Dreams and Early Nightmares" deckt sie die Wurzeln ihres feministischen Bewusstseins auf. Vor allem ist dieses Buch eine Abrechnung mit dem Vater: Ein schottischer Patriarch, "pathologisch unfähig" Zuneigung auszudrücken, war bestrebt, sie "weiblich" und "heiratsfähig" zu machen. Während ihrem Bruder eine akademische Ausbildung zugestanden wurde, kasernierte sie der Vater in einem Schweizer Mädchenpensionat.

Mit 18 - rebellisch und bedacht, sich vom Elternhaus zu lösen - fiel sie in die Hände eines ungarischen Grafen, der ihre Grenzen, sowohl psychisch als auch physisch, missachtete und sie eifersüchtig verfolgte. Nach einer langwierigen Trennung zog sie mit den zwei Kindern in eine Hippie-Kommune in Wales – und die nächste Enttäuschung folgte bei Fuß. Hier wurde den Frauen die ganze Arbeit aufgelastet, die Männer faulenzten und taten nichts. Daraufhin kehrte sie nach London zurück, wo sie ihren Lebensunterhalt mit Schreiben verdiente. Zwischen 1969 und 1988 war sie für den "Guardian" als Kolumnistin zu feministischen Themen tätig und provozierte aufgeregte Reaktionen. Denn, was ihr als "verbissenes Emanzentum" angelastete worden ist, "kam aus tiefstem Herzen und direkt aus ihren eigenen, oft quälenden Erfahrungen", erinnerte sich ihre Kollegin Polly Toynbee (zit. ebd.). Besonders als sie gegen Vergewaltigung in der Ehe schrieb.

Kurz vor ihrem Tod - zur Entwicklung des Feminismus befragt - meinte sie: Die Annahmen über Frauen seien es, die sich am radikalsten verändert hätten. Vor allem jenes Vorurteil, dass die gesamte psychische Energie einer Frau nicht damit erfüllt wird, für einen Mann zu leben und sein männliches Ego zu nähren.

Jill Tweedie nahm sich am 12. November 1993 das Leben. (dabu)

Geboren am 22. Mai 1934 in Kairo
Gestorben am 12. November 1993 in London
  • Jill Tweedie:
In the Name of Love
A Study of Sexual Desire
Deutsch: Die sogenannte Liebe
Von den Zwängen der Zweisamkeit
Rowohlt 1986
    foto: buchcover
    Jill Tweedie:
    In the Name of Love
    A Study of Sexual Desire
    Deutsch: Die sogenannte Liebe
    Von den Zwängen der Zweisamkeit
    Rowohlt 1986
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