Das lange Warten auf die Gedenktafel

3. Dezember 2003, 10:17
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Wien ist weiterhin gegen ein Mahnmal für homosexuelle NS-Opfer - Mit Kommentar

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny versteht die Entrüstung nicht: Es bestehe, wird der SP-Politiker Dienstag im Kulturausschuss der Stadt erklären, keine Notwendigkeit eines Mahnmales für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus.

Schließlich, erklärt Mailaths Sprecherin gegenüber dem STANDARD, sei schon im Juni 2001 - auf Antrag der Grünen - veranlasst worden, den Text auf der Tafel bei Alfred Hrdlickas Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zu überarbeiten. "In dem Text wird deutlich hingewiesen, dass das Mahnmal zur Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus errichtet wurde."

Fehlen jeglicher Sensibilität

Klingt gut. Hat aber einen Haken: Diese Tafel gibt es nicht. Jedenfalls nicht am Platz bei der Albertina. Deswegen wirft Grünen-Gemeinderätin Maria Vassilakou Mailath nun "Inkompetenz und das Fehlen jeglicher Sensibilität" vor, wenn er mit dem Verweis auf ein gar nicht eingehaltenes Versprechen den Anfang November eingebrachten Antrag der Grünen auf ein eigenes Denkmal ablehne.

Auch Homosexuellenvertreter fühlen sich dadurch verhöhnt: 1988, erzählt Kurt Krickler von der "Homosexuellen Initiative" HOSI, habe die Polizei bei der Einweihung des Mahnmals bei der Albertina schweigend gegen das Verschwiegenwerden demonstrierende Homosexuelle gewaltsam vertrieben.

"Nicht versäumen"

1991 entschuldigte sich die Historikerin Erika Weinzierl dafür, beim Erstellen des Textes auf die homosexuellen Opfer vergessen zu haben. Daraufhin versicherte der damalige Bürgermeister Helmut Zilk, bei einer Erneuerung der Tafeln werde man "nicht versäumen", vergessene Opfer zu erwähnen. Es blieb beim Versprechen. Darum ist für Krickler das Versprechen von Mailaths Sprecherin ("die Tafel ist fertig und wird demnächst aufgehängt") zu wenig: "Das betrachten wir als Selbstverständlichkeit - und wenn jemand meint, dass dann ja auch andere verfolgte Gruppen Mahnmale verdienten, kann ich nur sagen: Was spricht dagegen?" Weniger apodiktisch sieht Raoul Fortner von den "Sozialistischen Homosexuellen" (SoHo) die Mahnmal-Frage: "Wünschenswert wäre es natürlich. Aber für uns hat die rechtliche Gleichstellung der Lebenden Priorität - und da hat Wien in Österreich eine federführende Rolle." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD; Printausgabe, 1.12.2003)

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