Musik als kalkuliertes Geheimnis

4. Dezember 2003, 15:24
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Furrer-Violinkonzert zu Wien-Modern-Finale

Wien - Sprach man vor zwei Jahrzehnten mit Roman Haubenstock-Ramati über seine Schüler an der Wiener Musikhochschule, so fiel ganz gewiss der Name Beat Furrer, dem er als Komponisten eine erfolgreiche Zukunft prophezeite. Mit seinem neuen, andere stimmen überschriebenen Werk für Violine und Orchester hat Furrer nun weitere 25 Minuten dieser Zukunft zur für Interpreten (Ernst Kovacic mit den Wiener Philharmonikern unter Ingo Metzmacher) und Zuhörer (an)spannenden Gegenwart gemacht und damit die Prophezeiung seines einstigen Lehrers abermals bestätigt.

Haubenstock-Ramati, dieser konzessionslose ästhetische Borderliner, dürfte seinem Schüler schon damals den Spaltpilz des kritisch-analytischen künstlerischen Intellekts eingeimpft haben, der in ihm noch immer hörbar weiterwirkt. Furrer dringt in diesem Werk in das Innere der Töne vor. Indem er diese spaltet, die Haut ihres konventionellen Klanges von ihnen ablöst, befreit er die anderen Stimmen aus ihrem Schattendasein als Obertöne. Durch eine besondere, über den Steg der Streichinstrumente stattfindende Tongebung erklingen nicht die intonierten Töne selbst, sondern deren zartfarbige, fragile Aura. So wird aus physikalischer Eindeutigkeit kalkuliertes, metaphysisches Geheimnis.

Dessen Ergründung haben sich die Wiener Philharmoniker schon am Freitag bei der Uraufführung in Graz zum Finale der kulturhaupstädtischen Ikonen-Serie angelegen sein lassen und zum Kehraus von Wien Modern auf diese nochmals mit hoher Konzentration eingelassen. Letztlich bleibt diese Ergründung aber auch Sache des Zuhörers und seiner Fähigkeit, in diese stille Welt der Mikroemotionen einzudringen und sich mithilfe diskreter rhythmischer Winke in dieser zurechtzufinden.

In den restlichen Werken dieses Konzertes, bei Franz Schrekers dickflüssigem Vorspiel zu einem Drama etwa, gelingt dies ungleich leichter. Ganz zu schweigen von Giacinto Scelsis platt eindrücklichem Chor-Orchester-Werk Konx-Om-Pax, zu dem man wie auch zu Claude Debussys wohltuend abschließenden Nocturnes die Wiener Singakademie bemühte. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1.12.2003)

Von
Peter Vujica

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Wien Modern

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