"Nehmen Sie uns Martin nicht weg"

12. Dezember 2003, 19:30
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Chaos an Schulen: Gehrer appelliert, nicht zu sparen - sagt aber nach Pensionswelle keine Posten zu - Vor allem Wiens Schüler leiden

Eislaufen fällt vorerst aus. Außer privat natürlich. Da dürfen die Kinder noch. Ihre Volksschule bietet den Ausgleich jedenfalls nicht mehr.

An der ganztägigen Integrationsschule in Wien-Landstraße regiert der Sparstift: Was zu betreuungsintensiv ist, wird gestrichen. Deshalb gibt es für die 318 Kinder plus ihre 69 behinderten Klassenkameraden keine Projektwochen mehr. Lehrerstunden werden eingespart, manche Lehrer an andere Schulen versetzt - Junglehrer Martin etwa.

Lehrer Martin

Die Schüler wollen das nicht hinnehmen, haben sogar in einer Presseaussendung an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer appelliert: "Bitte nehmen Sie uns den Martin nicht weg! Lehrer Martin war mit uns klettern, hat mit uns Freiarbeit gemacht - wir vermissen ihn sehr."

Prinzipiell müssen, so Volksschuldirektor Eduard Voss, therapeutische Maßnahmen auf Sparflamme laufen: "Ausdrucksmalen als therapeutische Intervention entfällt. Die Lehrerin ist in Pension. Die Beratungslehrerin, die sich um sozial Schwache und ihre Mütter gekümmert hat, ist auch im Ruhestand. Die Stelle wird gestrichen."

Über 3.000 in Frühpension

Voss ist nicht der Einzige, der Probleme hat: Über 3000 Lehrer sind seit Montag in Frühpension, sie haben das Beamtensozialplangesetz zum Absprung in den Ruhestand genutzt. 120 sind jünger als 55, ihre Posten werden per Weisung des Unterrichtsministeriums nicht nachbesetzt.

Auch viele Posten von über 55-Jährigen bleiben vakant: In Wien sind 735 Pflichtschullehrer in Frühpension und werden nicht nachbesetzt. Daher wurde umgeschichtet: Über 100 Lehrer wurden versetzt. Integrationslehrer wurden "normale" Lehrer, neue Integrationslehrer gibt es nicht. Bei Fördermaßnahmen wird gespart, bei Sport und Zusatzangeboten auch - etwa Informatik in manchen Hauptschulen gestrichen.

Regelunterricht funktioniert

Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl gab sich Montag "erleichtert", dass zumindest der Regelunterricht funktioniert. Es sei aber klar, dass die Qualität leide. Das "rote Wien" sei schuld am Chaos, kontert das Bildungsministerium. Ministerin Gehrer fordert in einem offenen Brief an Lehrer und Eltern Wien auf, nicht einzusparen - der Bund habe keinen einzigen Dienstposten gestrichen. Brandsteidl bleibt dabei: Wien brauche 300 zusätzliche Lehrer. Bei den Schulpartnern stößt sie damit auf offene Ohren: Vertreter von Lehrern, Schülern und Eltern wehren sich gegen "Einsparungen auf dem Rücken der Kinder" und den "katastrophalen Zeitpunkt der Pensionswelle".

"Klassen werden vollgestopft"

Kurt Nekula, Vorsitzender des Verbands der Elternvereine, formulierte das so: "Heute hat ein neues Schuljahr begonnen." Allerdings kein gutes: "Klassen werden voll gestopft, Zusatzangebote wie Fördermaßnahmen und Integration fallen weg, Interessenförderung findet nicht mehr statt." Der Chef der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft, Walter Riegler, assistierte: "Die Ressourcen für die Integration behinderter Kinder sind jetzt zu knapp." Daher sollten die freigewordenen Stellen nachbesetzt werden.

SPÖ und Grüne wollen Pensionisten zurückholen

SP und Grüne wollen Lehrer aus der Frühpension holen, bis Ende des Schuljahres unterrichten und dann zu den Konditionen wie jetzt in Pension gehen lassen. Gehrer lehnt ab, weil das "Privilegien" schaffe. Elisabeth H., die ihren vollen Namen nicht lesen will, ist mit 53,5 Jahren in Pension gegangen - versucht aber, die Genehmigung zum Weiterunterrichten zu erhalten. Vergeblich, schildert Frau H.: "Es ist nicht möglich, meinen Pensionsantrag zurückziehen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.12.2003)

Von Eva Linsinger Peter Mayr
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