Arme Alma (Mater)

5. Dezember 2003, 19:43
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Wie der Dialog zwischen ausbildender Universität und Wirtschaft verbessert werden kann - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Im ultramodernen Grazer Kunsthaus stellten sich Querdenker einem uralten Thema: Wie sieht die "ideale" Uni-Ausbildung aus? Wie kann der Dialog zwischen Uni und Wirtschaft verbessert werden? Die bisherige Art der Ausbildung - ein monolithischer Block von fünf Jahren - kollidiert mit den realen Anforderungen. Prof. Gutschelhofer, Rektor der Uni Graz und selbst Paradebeispiel dafür, dass es keine "linearen" Lebensläufe mehr gibt, entwirft ein Gegenmodell: die Uni als "Lebenspartnerin".

Kürzere Module mit passenden Inhalten von Matura bis Rente werden dem Ruf nach lebenslangem Lernen gerecht. Den Unis allein den schwarzen Peter zuzuschieben wäre falsch - nur eine kollektive Anstrengung hilft bei der Erneuerung:

1Differenzierungsfaktor Bildung als Vision: Bei uns haben nur zwölf Prozent der Bevölkerung einen Hochschulabschluss, im OECD-Schnitt sind es 25 Prozent. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zu höherer Bildung in Form entsprechender Budgetmittel und klarer Benchmarks zur Steigerung der Systemeffizienz. In den Niederlanden müssen alle Studenten mit 22 Jahren fertig sein. Finanzielle Sanktionen, intensive Begleitung der Studiengänge über 42 Wochen à 40 Stunden pro Jahr sollen es sicherstellen. Die Erfüllung international anerkannter Evaluierungspunkte und Abschlüsse, so wie in Spanien, hilft beim Best-Practice-Vergleich.

2Reichhaltigkeit durch Durchlässigkeit: Braindrain (die klugen Köpfe gehen in die Wirtschaft oder an US-Unis) und Inzucht (vom Hörsaal direkt an die Tafel, ohne Praxis- oder Auslandserfahrung) unterminieren die Uni-Qualität. 70 Prozent der Lehrstühle werden intern besetzt, und magere fünf Prozent sind Ausländer. Wir müssen "Stars" mit Lokomotivenfunktion verpflichten, wenn wir starke Kompetenzzentren aufbauen wollen. Nur 32 Prozent aller Unternehmen haben jemals mit einer Uni kooperiert, und nur 1,8 Prozent der Forschungsarbeiten an Unis werden von Firmen finanziert - im OECD-Schnitt sind es sechs Prozent.

Studenten müssen regelmäßiger in die Praxis, um anwendbares Wissen und Soft Skills zu entwickeln. Und auch Manager sollten wieder auf den Campus: Fast die Hälfte des Jahres liegt die teure Uni-Infrastruktur brach, diese kann für berufliche Weiterbildung, an der Unis nur einen Anteil von vier Prozent haben, genutzt werden.

3Effektive Strukturen und effiziente Systeme: Kein MIT, keine HSG hierzulande, dafür ein bunter Flickenteppich an Instituten. Weniger ist mehr: Kompetenzzentren mit einer "kritischen Masse" an Studenten, Professoren und Angeboten sind der Nukleus für Cluster - wie in Boston oder München im Biotech-Bereich. Diese verschaffen den Unis Kunden für Forschungsaufträge und die nötigen Drittmittel, um die geplanten Budgetkürzungen von über fünf Prozent zu kompensieren. Allein das wird nicht reichen - erhebliche Effizienzsteigerungen, etwa in der gesamten Administration, sind erzielbar.

Würde man das Gesamtunternehmen "Hochschulnetzwerk" auf der grünen Wiese errichten, so würde es eine Buchhaltung, ein Personalwesen oder eine IT haben, nach dem Vorbild von Siemens Österreich oder Magna.

Das Humboldtsche Bildungsideal resultierte aus einer Krise. Nach der Niederlage gegen Napoleon schrieb der Preußen-Kaiser Friedrich Wilhelm III.: "Der Staat muss durch geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren hat." Knapp 200 Jahre später, in Zeiten magerer Geburten und nach Osten wandernder Fabriken, ist die Stärkung der Alma Mater ein Imperativ der Wissensgesellschaft.
Nachlese

->Von Tauben und Falken
->Der Preis ist heiß
->Fastfood fürs Gehirn
->Der "Seele" auf der Spur
->Ein amerikanischer Traum
->Die Kraft der Liebe
->Volkstheater Voest
->Manna vom Osten
->Es lebe die "Diktokratie"
->Goodbye Gurus?
->Wohlstand für viele Menschen
->Höchst gesunde Aussichten
->Die hohe Kunst des Ausruhens
->"...hominis est errare...
->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
->Brand It Like Beckham
->Jazz statt Symphonie
->Erfolg=Wissen mal Fähigkeiten
->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
->Wenn Manager autistisch werden
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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