Poetisches Jubiläum

1. Dezember 2003, 19:39
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Reich-Ranickis "Frankfurter Anthologie" in der FAZ bringt ihr 1500. Gedicht

Frankfurt/Main - Die von Marcel Reich-Ranicki initiierte Gedichtreihe "Frankfurter Anthologie" in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erscheint an diesem Samstag zum 1500. Mal. In der Rubrik wird jeden Samstag ein Gedicht von wechselnden Rezensenten - Literaturkritiker, Germanisten, Literaturwissenschafter oder Journalisten - interpretiert. Bei einer Matinee aus diesem Anlass am Sonntag (30.) in Frankfurt wird der mit 7.500 Euro dotierte "Preis der Frankfurter Anthologie" an den Kölner Literaturwissenschafter Walter Hinck verliehen.

"Beim Start 1974 sagte man über mich bei der "FAZ": Der Mann ist weltfremd", erinnert sich Reich-Ranicki. Sein Ziel sei gewesen, die damals im Argen liegende Lyrik-Kritik für ein größeres Publikum zugänglich zu machen. Gedicht-Rezensionen seien damals "schwer lesbare, oft langweilige, von Germanisten umständlich geschriebene" Texte gewesen. Die "Anthologie" dagegen versammele knappe, allgemein verständlich geschriebene Gedichtbesprechungen klassischer und zeitgenössischer Autoren. Sie ist in mittlerweile 26 Bänden auch in Buchform bei Insel erschienen.

"Hitliste"

Mit 120 Gedichten führe Goethe die Liste der am meisten besprochenen Schriftsteller an, gefolgt von Brecht (66) und Heine (47). Unter den lebenden Autoren wurden laut Reich-Ranicki Verse von Sarah Kirsch (19), Hans-Magnus Enzensberger (16) und Ulla Hahn (14) am häufigsten interpretiert. In der Jubiläumsausgabe werde er selbst ein Gedicht besprechen, kündigte Reich-Ranicki an, und zwar eines aus Goethes "West-Östlichem Divan".

Die Entscheidung, welches Gedicht besprochen wird, liegt bei ihm. Das sei manchmal ein riskantes Unterfangen: "Da hat ein Germanist, ein Kritiker, ein Schriftsteller, mit einer Frau geschlafen, und schon will er ihr ein Vergnügen bereiten und ihr Gedicht bei uns interpretieren. Dagegen habe ich nichts - vorausgesetzt, das Gedicht taugt etwas!"

Immer noch Minderheitenprogramm

Lyrik verkaufe sich heute besser als vor 30 oder 40 Jahren. Dennoch bleibe sie ein Minderheitenprogramm. "Es sind auch mehr Leute an Popmusik interessiert als an Brahms oder Bruckner. Das können Sie nicht ändern. Aber die Minderheit hat auch einen Anspruch, bedient zu werden." Die Zukunft der "Anthologie" ist noch ungewiss: "Solange ich lebe und arbeiten kann, werde ich weitermachen", sagte der 83-jährige Kritiker. "Was dann passiert, weiß ich nicht." (APA/dpa)

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